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Behinderung kein Hindernis

Ali-Riza CiftciogluAuf den ersten Anschein unterscheidet Ali-Riza Ciftcioglu sich nicht von hunderten anderer Studenten der Fachhochschule Gießen-Friedberg. Der Informatikstudent hat wie sie einen Teil seiner Studienzeit im Ausland verbracht und die vergangenen beiden Semester an der University of Central Lancashire in englischen Preston studiert.

Kein Einzelfall – gäbe es nicht eine wichtige Unterscheidung zwischen Ciftcioglu und seinen Kommilitonen. Der 26-Jährige ist blind. Genau genommen: Er hat eine Sehkraft von weniger als einem Prozent. Das bedeutet, dass er zum Beispiel anhand der Lichtintensität erkennen kann, dass im Raum eine Deckenleuchte hängt. „Theoretisch könnte da aber auch ein Deckenfenster sein, durch das die Sonne scheint. Da sehe ich keinen Unterschied.“

Seine Behinderung hat den gebürtigen Koblenzer nicht davon abgehalten, als erster blinder Student der Gießener Fachhochschule zum Studium ins Ausland zu gehen. „Manchmal muss man einfach sagen: ´Das mach ich jetzt.´ Und dann muss man das durchziehen.“ Er reise gern, habe zum Beispiel schon als Zuschauer die Paralympics in Sidney besucht und sei gleich interessiert gewesen, als Prof. Dr. Peter Löffler vom Fachbereich Mathematik, Naturwissenschaften und Informatik in einer Vorlesung für ein Auslandsstudium warb und Hilfe anbot. Gemeinsam mit dem Hochschullehrer und dem Auslandsreferat der FH bereitete er den Aufenthalt in Preston vor. Sein Bachelorstudium hatte der Sohn türkischer Eltern, der selbst deutscher Staatsbürger ist, schon in der Regelstudienzeit von sechs Semestern abgeschlossen, bevor er nach England flog.

Natürlich habe er dort anfangs Zeit zur Eingewöhnung gebraucht – wie jeder andere auch. Er konnte in einem Zimmer auf dem Campus wohnen, so dass er für den Studienalltag nur drei, vier Standardwege habe lernen müssen. Die technische Unterstützung lobt Ciftcioglu. Neben dem üblichen ERASMUS-Stipendium der Europäischen Union standen für ihn Sondermittel zur Verfügung. Daraus sei zum Beispiel das Einscannen eines Englischlehrbuchs bezahlt worden, was immerhin etwa 1000 Pfund gekostet habe. Auch für eine Putzhilfe stand Geld zur Verfügung. Das Studium selbst hat ihm keine Probleme bereitet. „Wirklich große Unterschiede zu Gießen gab es nicht. Vieles kann man schließlich im Internet machen.“ Nur das vorgegebene Studientempo war ihm zu langsam: „In Gießen hätte ich doppelt so viele Kurse gemacht.“ Begeistert zeigt sich der gläubige Muslim von der Campusatmosphäre in Preston. Er sei sofort herzlich aufgenommen worden. „Inder, Pakistani, Chinesen, Muslime, Christen, Buddhisten – ein Kulturmix ist das gewesen. Die Leute haben zusammengehalten, und ich habe auch abseits vom Studium viel gelernt.“

Dass Ali-Riza Ciftcioglu jedem zurät, auch mit Behinderung ein Auslandsstudium zu wagen, überrascht deshalb nicht. Besonders lobt er die Unterstützung von Fachbereich und Auslandsreferat in Gießen. Er empfiehlt allerdings, bereits während des Bachelorstudiums im dritten oder vierten Semester Auslandserfahrung zu sammeln.

Fünf bis sechs Scheine braucht Ciftcioglu noch in seinem Masterstudium. Dann fehlen ihm noch ein Praktikum und die Abschlussarbeit. Das alles sei in einem bis anderthalb Jahren zu schaffen, sagt er. Nach dem Studienabschluss kann er sich vieles vorstellen. Besonders reizt ihn ein Praktikum in Istanbul, um Kontakte zu knüpfen und seine Fachsprache im Türkischen zu verbessern. Danach verspricht er sich in der Heimat seiner Eltern gute Berufsperspektiven. „In meinem Fachgebiet gibt es in der Türkei gewaltigen Nachholbedarf. Da kann man mit besten Aussichten einsteigen“, blickt Ali-Riza Ciftcioglu optimistisch in die Zukunft.

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