Prof. Peter Czermak (Mitte) ist Ko-Koordinator des neuen Gießener Loewe-Zentrums. Zu den ersten Gratulanten gehörten THM-Präsident Prof. Günther Grabatin (links) und Vizepräsident Prof. Frank RunkelDas Land Hessen fördert ab 2014 für zunächst drei Jahre das neue LOEWE-Zentrum für Insektenbiotechnologie mit 17,7 Millionen Euro. Eine zweite Förderperiode mit einem vergleichbaren Volumen ist im Anschluss vorgesehen. Außerdem stellen das Land Hessen und der Bund insgesamt 30 Millionen Euro für den Neubau eines Forschungsgebäudes zur Verfügung. Beteiligt sind an dem LOEWE-Zentrum „Insektenbiotechnologie“ neben der JLU (Federführung) die Technische Hochschule Mittelhessen und das Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie, Aachen (IME). Die Gesamtleitung des LOEWE-Zentrums liegt bei dem Gießener Entomologen Prof. Dr. Andreas Vilcinskas (JLU). Ko-Koordinatoren sind Prof. Dr. Peter Czermak (THM) und Prof. Dr. Holger Zorn (JLU), die Fraunhofer-seitige Verantwortung liegt bei Prof. Dr. Rainer Fischer (IME).

Schon heute ist mit der Entscheidung aus Wiesbaden sicher: In Gießen entsteht ein neuer wissenschaftlicher Leuchtturm für Insektenbiotechnologie. Das Ziel aller am LOEWE-Zentrum beteiligten Einrichtungen ist der Aufbau einer dauerhaften Fraunhofer-Einrichtung für Bioressourcen in Mittelhessen - die erste außeruniversitäre Forschungseinrichtung mit Sitz in Gießen.

Die Einrichtung des LOEWE-Zentrums „Insektenbiotechnologie“ mit einer Investitionssumme von knapp 48 Millionen Euro habe für die JLU einen Stellenwert wie der Doppelerfolg in der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder, so JLU-Präsident Prof. Dr. Joybrato Mukherjee: „In einem Netzwerk mit starken Partnern werden wir ein neues und anwendungsorientiertes Wissenschaftsgebiet entwickeln. Dies zeigt einmal mehr, dass sich unsere langfristig angelegte Strategie, in unserem lebenswissenschaftlichen Schwerpunkt auch mit Hilfe des LOEWE-Programms Alleinstellungsmerkmale aufzubauen und Exzellenzpotentiale auszubauen, auszahlt. Ich gratuliere allen beteiligten Wissenschaftlerinnen undWissenschaftlern und danke dem Land Hessen und unseren Partnerinstitutionen für die hervorragende Zusammenarbeit und Unterstützung.“

Prof. Dr. Günther Grabatin, Präsident der Technischen Hochschule Mittelhessen, hebt die Bedeutung für den Standort Gießen hervor: „Durch die Einrichtung eines neuen LOEWE-Zentrums wird sowohl die wissenschaftliche Exzellenz von JLU und THM als auch die wirtschaftliche Innovationskraft der Region Mittelhessen gefördert. Unser Institut für Bioverfahrenstechnik und Pharmazeutische Technologie zeigt erneut, dass an der THM Spitzenforschung zuhause ist.“

Mit dem LOEWE-Zentrum soll die bislang im LOEWE-Schwerpunkt erfolgreich etablierte Fraunhofer-Projektgruppe „Bioressourcen“ ausgebaut und in eine eigenständige dauerhafte Fraunhofer-Einrichtung überführt werden, die mit der JLU und der THM eng kooperiert.

Gleichzeitig werden mit dem LOEWE-Zentrum Arbeitsplätze für hochqualifizierte Spezialisten und Anreize für die Ansiedlung von biotechnologischen Unternehmen in Gießen und Umgebung geschaffen. Nachhaltige Struktur- und Profilbildung, Kooperationen von Hochschulen und außeruniversitären Akteuren, Vernetzung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft – all diese landesstrategischen Zielvorstellungen, die sich mit dem LOEWE-Programm verbinden, werden mit dem LOEWE-Zentrum Insektenbiotechnologie umgesetzt.

Mit dem Neubau eines Forschungsgebäudes am Leihgesterner Weg, das Sitz des LOEWE-Zentrums und der neuen Fraunhofer-Einrichtung werden soll, soll im Jahr 2015 begonnen werden; mit der Fertigstellung ist voraussichtlich im Jahr 2017 zu rechnen.

„Die Erschließung von Insekten als neue Ressourcen für Produkte mit Anwendungen in Medizin, Pflanzenschutz und industrieller Biotechnologie steht im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Arbeiten im neuen LOEWE-Zentrum“, erläutert der wissenschaftliche Koordinator und Leiter des neuen LOEWE-Zentrums, Prof. Dr. Andreas Vilcinskas. Er ist überzeugt: „Die Insekten gelten als die erfolgreichste Tier- oder Organismengruppe auf der Erde. Diese Biodiversität, die man auf der Artenebene sieht, spiegelt sich auch auf der Molekülebene wider. Das heißt: Insekten sind ein riesengroßer Wirkstoffschrank, und es geht uns darum, darin gezielt neue Wirkstoffe zu entdecken und für die Menschheit nutzbar zu machen.“

Die Insektenbiotechnologie widmet sich der Entwicklung von Schnittstellentechnologien und der Anwendung neuer Wirkstoffe aus Insekten beispielsweise für therapeutische oder diagnostische Zwecke. Da dieses Potenzial erst seit wenigen Jahren systematisch erschlossen und genutzt wird, bietet das Kooperationsprojekt für alle Seiten große Entwicklungs- und Profilierungschancen. Neben den Möglichkeiten auf dem Gebiet der Human- und der Tiermedizin wird auch mit erheblichen Potenzialen auf dem Agrar- und Ernährungssektor gerechnet.

So sollen neuartige Enzyme und Aromastoffe aus Insekten für die Lebensmittelindustrie nutzbar gemacht werden. Weiterhin werden neuartige Methoden für die umweltschonende Bekämpfung von Insektenarten entwickelt, die entweder große wirtschaftliche Schäden in der Landwirtschaft verursachen oder Krankheiten wie zum Beispiel Malaria übertragen. Aufgrund des enormen Potenzials zieht das LOEWE-Zentrum auch Industriepartner an, die sich finanziell an den Forschungen beteiligen und damit zur Schaffung hochqualifizierter Arbeitsplätze in Gießen beitragen werden.

Obwohl durch rasante Fortschritte in den Bereichen der instrumentellen Analytik, der Proteom- und Genomforschung wichtige technische Voraussetzungen geschaffen wurden, sind fundierte Kenntnisse über die Systematik, Evolutionsbiologie und Ökologie der Insekten die Grundlage der Insektenbiotechnologie. Nach der wissensbasierten Auswahl von Insektenarten, die aufgrund ihrer Lebensweise über die gesuchten Zielmoleküle - zum Beispiel antimikrobiell wirksame Substanzen - verfügen sollten, können anwendungsrelevante Moleküle mit Hilfe hochempfindlicher massenspektrometrischer Verfahren oder mit modernen Sequenziertechniken identifiziert werden. Durch die Kultivierung von Insektenzellen in Fermentern können zum Beispiel Enzyme aus Insekten im großen Maßstab hergestellt und für industrielle Anwendungen genutzt werden.