
Dr. Jürgen Hagedorn ist 1970 an die Ingenieurschule Gießen gekommen.
Bis 1998 war er als Professor für Massivbau und Statik am Fachbereich Bauwesen der FH Gießen-Friedberg tätig und von 1993 - 97 deren Rektor. Im Interview weiter unten blickt Prof. Dr. Jürgen Hagedorn zurück.
Ein Interviews aus dem THMagazin 42 (Oktober 2021)
Es herrschte Aufbruchstimmung
Sie, Herr Prof. Hagedorn, sind in der Endphase an die damalige Ingenieurschule Gießen gekommen. Wissen Sie noch, wie die Stelle in der Ausschreibung bezeichnet war? Warum haben Sie sich darum beworben und welche Qualifikationen brachten Sie mit?
Die Stelle an der Staatlichen Ingenieurschule Gießen war ausgeschrieben als Dozent für die Fächer Statik und Stahlbetonbau. Eingestellt wurde ich als Baurat z.A.
Schon einige Jahre zuvor hatte ich entschieden, dass mein Ziel die Ausbildung junger Leute ist, zumal mein Vater als Professor an der Technischen Hochschule für Bauwesen in Weimar in den Fächern Statik, Technische Mechanik und Stahlbetonbau tätig war. Voraussetzung waren allerdings eine intensive praktische Erfahrung und ein Nachweis der wissenschaftlichen Qualifikation. Das hatte ich 1970 erreicht: 13 Jahre Berufspraxis in der Planung und Ausführung von Bauwerken des gesamten Hoch-, Brücken- und Industriebaues sowie eine abgeschlossene Promotion an der TH Karlsruhe.
Wie haben Sie seinerzeit Gebäudebestand, Ausstattung, Organisationsgrad und Alltagsbetrieb wahrgenommen?
Unsere Abteilung leitete ein Oberbaurat. Im Kollegium waren zwölf weitere Dozenten, die von zwei Laboringenieuren und einem Meister unterstützt wurden.
Es gab das große Gebäude A in der Wiesenstraße, in dem Hörsäle, einige Labore und im ersten Stock die Verwaltung untergebracht waren, und das Laborgebäude B. Wir „Bauleute“ unterrichteten im Wesentlichen im vierten Stock. Die normalen Hörsäle fassten rund 60 Studenten. Die Ausstattung war sehr sparsam: Steckdosen waren rar, Geräte wie Projektoren fehlten. Wenn ich Dias zeigen wollte, musste ich den eigenen Projektor mitbringen. Allerdings verfügte unsere Abteilung über einige besondere Errungenschaften, die ich für deutschlandweit einmalig an Ingenieurschulen halte: eine EDV-Anlage Marke Zuse, eingesetzt im Fach Straßenbau, ein Spannfeld, auf dem hochsensible Messungen vorgenommen werden konnten, und ein sehr gut ausgestattetes Schalllabor.
Die Wissensvermittlung fand im Allgemeinen durch Vortrag „mit Tafel und Kreide“ statt. Die Studierenden mussten mitschreiben. Alle Dozenten hatten einen Hochschulabschluss und profunde Praxiserfahrung. Ich war allerdings 1970 und in der näheren Folgezeit der erste mit dem akademischen Titel „Dr.-Ing.“. Unter den Kollegen herrschte ein sehr gutes Klima. Der gesamte Betrieb ähnelte mehr einer Schule als einer Hochschule. Für die Studierenden, die man als Dozent in der Regel mit Namen kannte, bestand Anwesenheitspflicht. Es gab Notenkonferenzen der Dozenten und gegebenenfalls den Bescheid, ein Semester zu wiederholen. Durch die straffe Organisation und die strenge Regelung der Abläufe erreichten aber die meisten Studierenden wirklich nach sechs Semestern ihr Ziel.
In unserem Fachbereich studierten anfangs nur junge Männer. Hervorheben möchten ich, dass sie aus allen Bildungsschichten kamen. Sie hatten mindestens die mittlere Reife und eine abgeschlossene einschlägige Berufsausbildung. Sie verließen die Ingenieurschule und anfangs auch die FH als „Graduierte Ingenieure (Ing. grad.)“, oft im Alter von 22 oder 23 Jahren. Die Ausbildung war solide, aber in der Tiefe begrenzt. So mussten die jungen Ingenieure in den Betrieben einige Zeit von erfahrenen Kollegen „an die Hand genommen“ werden. Die graduierten Ingenieure waren die großen Stützen in der gesamten Bauindustrie, wurden Bauleiter, Betriebsleiter und Geschäftsführer. Nicht wenige unserer Absolventen gingen in die Tragwerksplanung und gründeten ihr eigenes Ingenieurbüro. Andere nahmen das Studium an einer Technischen Hochschule auf, betätigten sich wissenschaftlich, promovierten und strebten mit Erfolg eine Professor an einer FH oder Universität an.
Ein gesetzgeberischer Akt verwandelt eine Ingenieurschule nicht automatisch in eine Hochschule. Was waren aus Ihrer Sicht in Gießen und Friedberg die wichtigsten Entwicklungsschritte hin zu einer funktionierenden Fachhochschule?
Das ist eine sehr komplexe Frage, die ich hier bei der gebotenen Kürze nur ansatzweise beantworten kann. Die Kultusministerkonferenz hatte in den 60er Jahren den Beschluss gefasst, mehr junge Menschen zum Abitur und Studium zu führen. In der Folge wurden die Fachoberschulen und Fachhochschulen ins Leben gerufen. Auch in Hessen wurde ein Fachhochschulgesetz verabschiedet, mit dem 1971 die Struktur und Organisationsform des neuen Hochschultyps festgelegt wurden. Doch die wirkliche Umwandlung von der Ingenieurschule zu einer funktionierenden FH dauerte sehr lange: personell - nach meiner Einschätzung - 20 Jahre, finanziell 30 Jahre. Eine Schrittmacherfunktion für die strukturelle Entwicklung der Fachhochschulen hatten nach meiner Auffassung die nach dem damaligen Bundesbildungsminister Möllemann benannten Hochschulsonderprogramme, die in den späten 80er und den 90er Jahren die Finanzsituation deutlich verbesserten und personelle Zuwächse brachten.
Doch die Entwicklungsschritte der Anfangsjahre waren: Die Abteilungen wurden Fachbereiche, ihre Leiter waren nun „Dekane“. Die Hochschulleitung bestand aus dem Rektor, dem Prorektor und dem Kanzler. Als Organe wurden „Rat“ und „Konvent“ geschaffen. Das Kollegium war damals in Unruhe wegen ungeklärter Status- und Besoldungsfragen. Zunächst erhielten die Dozenten den Titel „Fachhochschullehrer“, 1974 „Professor an einer Fachhochschule“, womit die Zugehörigkeit zum tertiären Bereich geklärt war, 1979 dann „Professor“. Auch daran sieht man, dass die Fachhochschulen bei ihrer Gründung institutionell keineswegs ausgestaltet waren. Es bedurfte mehrfach gesetzgeberischer Initiativen, um ihr Profil stärker auszuprägen.
Intern herrschte aber durchaus auch Aufbruchsstimmung, besonders nachdem klar war, dass wir zum tertiären Bereich, also dem akademisch-universitären Sektor gehören. Es gab viele Initiativen, teils durch promovierte Neuberufene, aber auch durch erfahrene Kollegen, die begannen, sich über die Lehre hinaus auch mit Forschung zu befassen. Gehemmt wurden sie dabei allerdings dadurch, dass 18 Stunden Lehrverpflichtung und sehr geringe finanzielle Mittel intensive Forschungsarbeiten kaum ermöglichten. Einen sogenannten personellen Mittelbau gab es nicht, und Forschung von FH-Professoren war im Hochschulgesetz noch nicht vorgesehen. Trotzdem brachten wir es in den ersten zwei Jahrzehnten in Forschung und Entwicklung dahin, in Partnerschaft mit den Universitäten Gießen und Marburg 1991 das Transferzentrum Mittelhessen zu gründen, eine gemeinsame Einrichtung für Kooperationen mit vor allem der regionalen Wirtschaft.
Sie waren an der FH nicht nur als Hochschullehrer tätig, sondern von 1993 - 97 auch deren Rektor. Worauf haben Sie in Ihrer Leitungstätigkeit Schwerpunkte gesetzt?
Darauf, die Hochschule in Stadt und Land stärker im öffentlichen Bewusstsein zu verankern, die angewandte Forschung – auch in Form angegliederter Institute – zu intensivieren und die Kooperation mit Industrie und Gewerbe auszuweiten. Außerdem galt es, die räumliche (über 400 Prozent) und personelle Überlast zu reduzieren. Also war Grundstücks- und Gebäudesuche angesagt. Und nicht zuletzt: Ich wollte ein friedliches Miteinander unter allen Hochschulangehörigen und den Studierenden. Bei Problemen sollte jeder zu mir kommen können.
Was die verstärkte Außendarstellung und Einbindung in Stadt und Region, aber auch die Forcierung der Forschungstätigkeit betrifft, konnten wir in der Zeit einiges erreichen, wie Messebeteiligungen, Hochschulveranstaltungen und Veröffentlichungen belegen. Wissenschaftlichen Zentren und Institute mit den Fachrichtungen Umwelttechnik und Biotechnologie konnten teils mit Unterstützung des Landes gegründet werden, blieben aber wegen fehlender Dauerfinanzierung in ihrem Bestand befristet.
Keine zufriedenstellende Lösung gab es zu meiner Zeit bei der baulichen Expansion. Die Gießener Neubauten für Informatik und Elektrotechnik brachten nur geringe Entspannung. Die Verhandlungen über das freie Grundstück der Telekom an der Gutfleischstraße zogen sich hin. In Friedberg, wo die Überlast besonders hoch war, engagierte ich mich für eine dichtere Bebauung des vorhandenen Geländes. Dafür konnte ich die damalige Wissenschaftsministerin Evelies Mayer begeistern. Sie wollte sofort aktiv werden. Doch es folgte eine Geschichte der Verzögerungen. Die Freigabe der Planungsmittel mit Wettbewerb dauerte sehr lange, so dass zur Entlastung inzwischen Container aufgestellt wurden. Nach Ende der Planung wurden die Mittel zur Ausführung der Baumaßnahme nicht bereitgestellt. So kam es dort erst nach Ende meines Rektorates zur Fertigstellung der Erweiterungsbauten. Auch deshalb muss ich das Fazit ziehen, dass es während meiner Amtszeit an der Förderung durch die Landesregierung mangelte.
Wenn Sie heute als „Ehemaliger" an Ihre Hochschule zurückkehren, die inzwischen THM heißt: Welche Unterschiede im Vergleich zu Ihrer aktiven Zeit fallen Ihnen vor allem auf?
Die THM ist inzwischen eine Hochschule mit einem sehr großen Campus, wo man – natürlich vor Corona betrachtet – viele wissbegierige junge Frauen und Männer von nah und fern antreffen kann. Das Studienangebot ist riesengroß, national und international. Ich hatte mich seinerzeit stark gemacht für die Architektur und Logistik. Beides wird sehr gut angenommen. Aber vieles ist noch dazugekommen, sowohl in Gießen als auch in Friedberg. Großartig finde ich auch die Möglichkeit zu promovieren. Ich kann der THM nur wünschen, dass sie sich weiterhin gut entwickelt und immer mit der Zeit geht. Allerdings frage ich mich, ob die erforderliche Praxisnähe und die Nähe zu den Studierenden noch vorhanden ist.
Dieses Interview wurde von Herrn Erhard Jakobs - (Pressereferent der THM) geführt.
Anmerkung des Alumni-Managements
Professor Dr. Hagedorn ist auch nach seiner aktiven Zeit der Hochschule sehr verbunden geblieben. So nimmt er regelmäßig an Veranstaltungen des Fachbereichs teil aber auch beim Ball der THM ist er als begeisterter Tänzer jedes Jahr dabei.
Wir freuen uns schon darauf, auch in 2024 wieder Professor Dr. Hagedorn am Ball der THM in Gießen begrüßen zu können.