Als 37-Jähriger hatte Jürgen Hagedorn an der neugegründeten Fachhochschule Gießen zu lehren begonnen, als 90-Jähriger blickte er jetzt an der THM auf seine Zeit an der Hochschule zurück.„Ich freue mich sehr, dass heute so viele hergekommen sind. Die Verbundenheit, die mir damit gezeigt wird, ist für mich ein großes Geschenk.“  Mit dem Begriff „Verbundenheit“ brachte Prof. Dr.-Ing. Jürgen Hagedorn in seinen Schlussworten bündig zum Ausdruck, was das Festkolloquium zu seinem 90. Geburtstag an der THM prägte. Die Technische Hochschule Mittelhessen und insbesondere ihr Fachbereich Bauwesen bekundeten dem ehemaligen Professor für Massivbau und Statik, der von 1993 – 97 als Rektor die damalige Fachhochschule Gießen-Friedberg geleitet hatte, in feierlicher Runde Respekt, Sympathie und eine Zusammengehörigkeit, die auch ein Vierteljahrhundert nach dessen Abschied aus dem Hochschuldienst noch fortbesteht.

Zahlreiche THM-Mitglieder, Ehemalige und Gäste waren der Einladung gerne gefolgt. Einen „Rück- und Ausblick auf die Entwicklung der Hochschule, des Fachbereichs und der hier gelehrten Schwerpunkte“ kündigte ihnen das Programm an. Welch bedeutenden Einfluss Jürgen Hagedorn auf diese Entwicklung hatte und wie leidenschaftlich er seine Aufgabe als Hochschullehrer wahrnahm, wusste Prof. Dr. Jens Minnert nicht nur dankbar und sachkundig, sondern auch aus persönlicher Erfahrung amüsant zu schildern. Denn er war in den 90ern noch Hagedorns Student gewesen, bevor er 2002 als Professor für Stahlbeton- und Spannbetonbau an die FH nach Gießen zurückkehrte. Den Unterrichtsstil seines akademischen Lehrmeisters beschrieb er als dynamischen Tafelvortrag an der Grenze zur Artistik („beidhändiges Schreiben bei gleichzeitigem Wischen“) und bekannte, noch heute von dem zu profitieren, was er bei Hagedorn auf dessen Fachgebieten gelernt habe.   

Vizepräsident Prof. Dirk Metzger sprach dem Jubilar die Glückwünsche des THM-Präsidiums aus und nannte ihn „ein Urgestein des Fachbereichs“. Er erinnerte daran, dass Jürgen Hagedorn schon bei der Gründung der Fachhochschule Gießen-Friedberg im Jahr 1971 dem Lehrkollegium angehört und den Umwandlungsprozess der Ingenieurschule Gießen zur Fachhochschule mitgestaltet hatte. Als Beispiel für dessen erfolgreiches Engagement als Rektor der Hochschule nannte er „unseren Studiengang Architektur, dessen Einrichtung Du mit großer Macht betrieben hast“.     

Jens Minnert, früher Hagedorn-Student und heute THM-Professor, überreichte seinem akademischen Lehrer als Geschenk ein Modell des Fachbereich-Domizils.Für den angekündigten Blick nach vorne sorgten Fachvorträge von Lehrenden des Fachbereichs Bauwesen, die sich der „Zukunft des Bauens“ zuwandten und dabei auch mit Bezug auf eigene Projekte und Forschungsarbeiten die Sparten Architektur (Prof. Thomas Meurer), Baumanagement und Projektsteuerung (Prof. Katja Silbe), Infrastrukturplanung (Prof. Frank Lademann) sowie Konstruktiver Ingenieurbau (Prof. Bertram Kühn) thematisierten.

Einige Aspekte dieser Beiträge griff Jürgen Hagedorn in seiner abschließenden Ansprache auf, als er den heute Aktiven an „seinem“ Fachbereich das Kompliment machte: „Ich bin tief beeindruckt von dem, was sich hier entwickelt hat und was hier geschaffen worden ist.“ Kurz ließ der gebürtige Dresdener die eigene Vita Revue passieren, die nach dem Diplom an der TH Karlsruhe zur Tätigkeit als Bauingenieur im Saarland und in Hessen sowie zur berufsbegleitenden Promotion und Ernennung zum Prüfingenieur für Baustatik führte, bevor sich in Gießen sein langgehegter Wunsch erfüllte, Dozent zu werden.

Zur Bilanz seines Wirkens an der Hochschule sagte er: „Das Rektorat war die Krönung meiner Tätigkeit hier. Ich habe das mit Begeisterung und in der Hoffnung gemacht, etwas bewegen zu können.“ Der starke Applaus seines Auditoriums  bestätigte Jürgen Hagedorn, dass man ihm dieses Verdienst an der THM in hohem Maß zuerkennt.