"Jetzt kann ich wieder ein paar Wochen schlafen."
Mit einem strahlenden Lächeln nahm Anna Conrad den Spendenscheck an einem ebenso strahlend sonnigen Freitag entgegen. Das Wochenende steht vor der Tür. Doch hier am Leimenkauter Weg wird noch fleißig weitergearbeitet. Die Organisationsleiterin der Tafel Gießen lud persönlich ein und bat den vier Vertreter der Fachschaft BAU der Technischen Hochschule Mittelhessen eine kleine Führung und den Dialog an der Tafel an. Zu sehen, für was man spendet sei wichtig und gehöre dazu. Dieser Einladung kamen sie sehr gerne nach.
Dass diese Summe für eine Fachschaft eines Fachbereichs absolut untypisch ist, war an dem Tag allen bewusst. Dass man aber überhaupt in der Lage dazu wäre, war im letzten Jahr für keinen Beteiligten auch nur ansatzweise vorstellbar.
Drehen wir die Zeit etwas zurück.
Normalerweise veranstaltet die Fachschaft BAU in der Vorweihnachtszeit an drei Terminen die Aktion "Spenden für den guten Zweck". An drei Abenden im Dezember wird bei live aufgelegter Musik und Lagerfeuer zum Glühweintrinken eingeladen. Jeder darf dabei seine angemessene Spende in einen Topf werfen. 2019 kamen dabei ca. 1.800 € an den Elternverein für leukämie- und krebskranke Kinder Gießen e.V. zusammen. Eine hohe Summe im Vergleich zu anderen Fachschaften.
Diesen Plänen stand – wie bei so ziemlich allem – die Corona-Pandemie im Weg. Seit April 2020 sind alle THM Gebäude geschlossen, die Lehre findet online statt.
Doch auch letztes Weihnachten wollte man einen Weg finden, für den guten Zweck zu spenden. In Zeiten der voranschreitenden Digitalisierung und sozialer Netzwerke wollte man sich nicht einfach damit zufriedengeben und darauf ausruhen, nichts spenden zu können.
Die Idee: online über Kanäle in sozialen Netzwerken und per E-Mail selbst entworfene Klamotten anzubieten – zu einem fairen Preis, teils als Spende, teils Selbstkosten.
Der Sache nahmen sich nach Absprache mit den restlichen Fachschaftsratmitgliedern die vier Architekturstudenten Janick Stanzel, Dominik Schmalz, Nils Hartmann und René Schanz an.
Innerhalb kürzester Zeit stellten sie ein Konzept zusammen, welches hoffentlich funktioniere: Muster und Qualität vergleichen, Modelle auswählen, Vergleichsbilder mit verschiedenen Größen schießen und zur Verfügung stellen, alles publizieren, eine leicht bedienbare Bezahlplattform finden uvm. gehörten dabei zu den vielen ungewohnten Aufgaben.
Der eigentliche Hingucker auf jedem Kleidungsstück ist dabei das selbst entworfene Logo der Fachschaft BAU als Stick auf der linken Brust. Angeboten wurden schwarze Shirts im unisex Schnitt und Kapuzenpullover im Damen- oder Herrenschnitt. Bestellen konnte man per E-Mail und sozialen Netzwerken. Jede Bestellung wurde dabei händisch einzeln eingegeben, jedes Kleidungsstück ging mehrmals durch die Hände der Vier. Selbst ein Versand wurde angeboten.
Ein Spendenziel gab es aus mangelnder Erfahrung nicht. Sie wusste nicht, was auf sie zukommen könnte oder ob es überhaupt Interessierte gibt. Man wolle einfach so viel Gutes tun und spenden wie möglich, auch wenn es diesmal womöglich geringer ausfalle.
Heute wissen wir mehr.
Innerhalb der Frist von ca. fünf Wochen gingen 210 Bestellungen über insgesamt 312 Kleidungsstücke ein. Es haben somit 210 Studierende, Freunde, Bekannte, Mitarbeiter:innen und Lehrbeauftragte des Fachbereichs bei den Vieren bestellt.
Heraus kam die überwältigende Summe von 4.500 €. Die Fachschaft behält dabei keinen Cent. Alles wandert in die Bestellkosten, den lokal hergestellten Stick vom Stylewerk in Gießen und in die Spende an die Tafel Gießen. Die Kostenaufteilung wurde vorher transparent gemacht. Man wusste somit genau, wieviel man für sein Kleidungsstück spendete. Die Spendenbereitschaft war dabei sogar so enorm, dass oftmals über den eigentlichen Preis hinweg gespendet wurde. Für Studierende nicht selbstverständlich.
Die Fachschaft BAU der THM kann sich nur bedanken und ist gleichzeitig sprachlos.
So sitzen die vier am sonnigen Freitag im gelüfteten Büro mit Abstand untereinander bei Anna Conrad und hören gespannt zu, was die Tafel Gießen ausmacht, für wen wir alle gemeinsam gespendet haben. Auch hier möchte die Fachschaft BAU aufklären.
Was ist die Tafel und was macht sie?
Die Idee einer jeden Tafel: überschüssige Lebensmittel vor der Vernichtung bewahren und verteilen an die, die sie dringend benötigen. Verteilen statt Vernichten! Dabei profitieren auch Händler und Hersteller. Für einen symbolischen Kostenbeitrag erhalten Familien oder Menschen mit wenig finanziellen Mitteln Nahrung, die sie sich kaum leisten könnten. Nahrung, die sie brauchen, um nicht mit halbleeren Mägen ins Bett zu gehen.
In Hessen gibt es rund 55 Tafeln, in Gießen seit 2005. Im Übrigen die erste, die mit Geflüchteten arbeitete. Anfangs wurden ca. 60 Haushalte mit 175 Menschen versorgt, heute werden 2.800 Menschen in Gießen und Umland in einer Woche versorgt. 800 davon sind unter 15 Jahren.
Jeden Morgen fahren fünf Kühlwagen bis zu 75 Läden ab und besorgen eben diese überschüssigen, für den Laden nicht schön genug aussehenden, teils abgelaufenen Lebensmittel. Sortiert, dokumentiert und ausgegeben wird vor Ort bei der Tafel von ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen. Mitmachen kann hier jede:r. Genug helfende Hände gibt es nie.
An fünf Tagen in der Woche erhalten in Gießen und anderen Standorten im Kreis etwa 160 Haushalte Brot, Gemüse, Obst, Kühlwaren und Haushaltsmittel in Kisten. Je nach Haushaltsgröße kostet eine Kiste 3 €, drei Kisten kosten Familien 5 €. Eine enorme Last fällt dabei den Betroffenen von den Schultern. Jede Woche. Auch körper- und gehbehinderte Menschen wird Ware nach Hause geliefert.
Seit 2009 organisiert die Tafel Gießen zudem ein wöchentliches Obstfrühstück für Erstklässler in Gießener Schulen. An Weihnachten versucht Anna Conrad, jedem Kind einen kleinen Wunsch auf dem Wunschzettel zu ermöglichen. Kinder sind ihr besonders wichtig: "Jedes Kind sollte wenigstens einmal im Jahr an Weihnachten ein kleines Geschenk bekommen, dass ihm leider kein anderer ermöglichen würde." Hier versucht sie stellvertretend für die Tafel jedes Jahr kleine Geschenke aufzutreiben und leistet dabei lokal ehrenamtliche soziale Arbeit.
Auffällig hierbei ist die gelegentliche Spendenbereitschaft der Bürgerinnen und Bürger in der Vorweihnachtszeit. Leider bleibt diese im Rest des Jahres auf der Strecke. Kaum jemand spendet einfach so im Sommer.
Was können wir also tun?
Spenden! Das ganze Jahr! Ob Essen, Spielzeug oder Geld. Jede Spende ist den Tafeln willkommen. In manche lokalen Discountern kann man das zurückgebrachte Pfand in Briefkästen einwerfen und so schon einen kleinen Teil leisten. Wer spenden möchte, findet keine Ausrede.
Auch selbst mit anpacken kann jede:r und spendet mit ein wenig Freizeit, Knowhow und Elan eine ebenso notwendige Ressource.
Die Fachschaft BAU möchte sich bei allen Spender:innen bedanken! Gleichzeitig aber auch ein Dank an die Tafel Gießen für die Möglichkeit zu spenden und die erdenden Einblicke.
Und so kann Anna Conrad an diesem Freitag hoffentlich wieder in Ruhe schlafen gehen.
Text: René Schanz, Fachschaft BAU