2025 12 koop thm fb biokaiser 0859Mehr als 15.000 Menschen gehen täglich an einem der prominentesten Friedberger Leerstände vorbei, der „Bierbörse“ am Bahnhof. Für die Stadt ein langjähriges Sorgnis, für eine Biobäckerei eine offensichtliche Gelegenheit zur Expansion – und für Studierende der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) die Chance, theoretisches Wissen praktisch umzusetzen.

Am Anfang stand ein Anruf: Friedbergs Bürgermeister Kjetil Dahlhaus greift zum Hörer und lädt Prof. Holger Rohn zu einem Gespräch mit „biokaiser“ ein, einer am Gemeinwohl und der Ökologie orientierten Bäckerei. In der Idee, die Bierbörse zu beleben, erkennt Rohn das Potenzial zu praktischer Lehre am Studienort. In mehreren Treffen zwischen Rohn und Volker Schmidt-Sköries, Geschäftsführer von „biokaiser“ entsteht ein Konzept, wie Stadt, Studierende und Unternehmen von der Filiale profitieren können.

Den Auftakt der praktischen Umsetzung machten Studierende aller THM-Standorte in den „Think Summits“ kurz vor Beginn des Wintersemesters. In einem fünftägigen Workshop arbeiteten sie an konkreten Konzepten für die Nachnutzung der Kneipe als Standort des Biobäckers. Im Kern stand eine anspruchsvolle Frage: Wie lässt sich ein Ort schaffen, der ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit vereint und so als Beispiel für Gemeinwohlorientierung über die Region hinauswirken kann? Die Studierenden in dem von Christian Abt, Fachbereich Wirtschaftsingenieurwesen, geleiteten Workshop durchliefen alle Phasen des sogenannten Design Thinking – verstehen, beobachten, definieren, Ideenentwicklung, Prototyping und testen – und sammelten ihre Erkenntnisse systematisch: sie führten Interviews mit Bürgerinnen und Bürgern, Studierenden, Stadtvertreterinnen und -vertretern sowie THM-Mitarbeitenden und beobachteten Nutzungssituationen im und am Bahnhof.

Zum Hintergrund verdeutlichte ihnen Bürgermeister Dahlhaus die Bedeutung des Standorts für Friedberg: „Die ,Bierbörse‘ fällt ins Auge, sobald Reisende aus dem Bahnhof treten. In unserer vom Ein- und Auspendeln geprägten Stadt voller Studierender ist eine qualitativ hochwertige, langfristige Belebung des Standorts äußerst wünschenswert“.

Das Partner-Unternehmen lernten die Studierenden bei einem Exkursionstag kennen: Besuche der „biokaiser“-Zentrale und Backstube in Mainz-Kastel mit dem zweiten Geschäftsführer Yasar Sköries, einer Filiale in Frankfurt, wo Vertriebsleiterin Rita Sköries-Schmiedel über Ladenbau, Philosophie und Markenerlebnis berichtete, sowie der Getreidemühle als langjähriger Wertschöpfungspartner von „biokaiser“ ermöglichten Einblicke in die gesamte Wertschöpfungskette, vom Korn bis zum Brot. Hierbei konnten die Studierenden erleben, wie ein sozial-ethisches sowie ökologisches Unternehmen in der Praxis funktioniert. Dabei wurden auch die Prinzipien der sogenannten Gemeinwohl-Ökonomie aufgezeigt. Nach dessen Standards ist „biokaiser“ zertifiziert – es setzt voraus, dass wirtschaftlicher Erfolg für gesellschaftliche und ökologische Zwecke eingesetzt wird.

Bei einer Abschlussveranstaltung präsentierten die Studierenden ihre Ideen schließlich Gästen aus Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und Stadtgesellschaft. Zentrale Arbeitsergebnisse umfassen Raumkonzepte für Begegnung und Austausch, Vorschläge zur Integration von Nachhaltigkeits- und Gemeinwohlkriterien in Geschäftsmodelle sowie Strategien zur sozialen und ökonomischen Wirkung im Quartier. Da der Mietvertrag für die ehemalige „Bierbörse“ zwischenzeitlich geschlossen ist, wird die Zusammenarbeit in Lehr- und Studienprojekte der THM überführt: Architektur-Studierende aus dem Fachbereich Bauwesen arbeiten unter Leitung von Ingenieur Christian Hillgärtner an der architektonischen Planung und haben im laufenden Semester auch bereits eine Filiale im Frankfurter Riedberg besucht, ebenso eine Baustelle in Bad Nauheim. Der Fachbereich Wirtschaftsingenieurwesen arbeitet an betriebswirtschaftlichen und nachhaltigen Weiterentwicklungen.

Auch im neu eingerichteten, englischsprachigen Master-Studiengang Sustainability Transformation in Engineering and Management (STEM) nimmt die Filiale künftig eine zentrale Rolle ein: Im ersten Semester beschäftigen sich die Studierenden mit dem Projekt, seiner Nutzung als Ort für Begegnung, Austausch und gesellschaftliche Wirkung – und so auch mit der Stadt und ihren Bedarfen. „Hier ist etwas entstanden, das über die Region hinausstrahlt“, sagt Bürgermeister Dahlhaus: „Hochschule, Wirtschaft und Stadtgesellschaft zeigen, was möglich sein kann, wenn Nachhaltigkeit, Gemeinwohl und Unternehmertum Hand in Hand gehen.“ Yasar Sköries ergänzt: „Die Studierenden haben die Möglichkeit aus theoretischem Wissen konkrete sowie prüfbare Ansätze zu entwickeln, also Theorie und Praxis zu verbinden. Dabei wurden wir im Ergebnis mit verschiedenen Ideen versorgt. Das ist kein Lippenbekenntnis, sondern Arbeit, die umgesetzt werden soll.“

Ziel bleibt, das Projekt als Pilot für weitere partnerschaftliche Formate zwischen Hochschule, Stadt und Wirtschaft zu nutzen, mit klarer Betonung auf studentischer Arbeit, empirischer Validierung und realen Umsetzungsschritten. Die Kooperation wurde in der Ringvorlesung der THM öffentlich vorgestellt.

Quelle: THM Pressestelle, Gießen, 15. Dezember 2025