Wer neu bauen möchte, größere Umbauarbeiten an bestehenden Gebäuden oder eine Nutzungsänderung plant, muss einen Bauantrag stellen. Mit der digitalen Baugenehmigung geht das seit wenigen Jahren vollständig online. Zum dritten Mal hatten der Fachbereich Bauwesen der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) und die TransMIT GmbH Akteurinnen und Akteure aus der Baubranche, IT- und Softwaredienstleistung und Behörden zum Kongress eingeladen, um sich über Erfahrungen mit dem digitalen Angebot auszutauschen.
Etwa 300 Menschen aus Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz, Tschechien und Indien hatten sich dafür angemeldet. Dank des hybriden Formats konnten die Teilnehmenden vor Ort oder digital an dem Kongress teilnehmen. Kommunen, die die digitale Baugenehmigung bereits nutzen, gaben Einblicke. Besonders hoben sie hervor, dass die Baugenehmigungsverfahren dank der Digitalisierung schneller gingen und Kosten gespart würden, da Postwege, Porto und Ausdrucke entfielen. Antragstellerinnen und -steller profitierten davon, dass Entscheidungen transparenter und nachvollziehbarer würden.
„Die digitale Baugenehmigung ist kein Selbstzweck – sie ist eine Notwendigkeit. Wir stehen vor der Aufgabe, Technologien einzuführen und dabei die Menschen mitzunehmen und Prozesse neu zu denken. Die Beispiele aus Frankfurt und Karlsruhe zeigen, dass sich der Aufwand lohnt. Am Ende stehen schnellere Genehmigungen, zufriedenere Bürgerinnen und Bürger und eine Verwaltung, die dem Fachkräftemangel aktiv begegnet“, sagte Prof. Dr.-Ing. Joaquín Díaz, Dekan des Fachbereichs Bauwesen.
Wie viele Unternehmen stehen auch die Behörden vor einem Umbruch, wenn in den kommenden Jahren etwa ein Drittel der Verwaltungsmitarbeitenden in Rente geht. Im Hinblick darauf müssten Prozesse effizienter, schneller und nutzerfreundlicher werden. Die Podiumsdiskussion zeigte deutlich, dass sich deshalb dort ein kultureller Wandel vollziehen muss.
Die Teilnehmenden, die bereits Erfahrung mit der digitalen Baugenehmigung in Behörden gesammelt haben, sprachen aber auch Herausforderungen an. Beispielsweise müssten die Schnittstellen zwischen Bürgerinnen und Bürgern, Behörde und Planungsbüros noch verbessert werden, Geodaten sollten einbezogen werden als zentrale Grundlage für raumbezogene Entscheidungen. Außerdem wünschten sich die Behörden den Einsatz Künstlicher Intelligenz, um automatisiert fehlerhafte oder nicht vollständige Anträge frühzeitig zu erkennen und korrigieren zu lassen. Denn aktuell sei noch ein Großteil der von Architekturbüros eingereichten Bauanträge fehlerhaft, was den gesamten Prozess verzögere. Als nächster logischer Schritt sollte zudem das Building Information Modeling (BIM) einbezogen werden, also 3D-Modell und Datenintegration, um präzisere Planung und schnellere Genehmigungen zu ermöglichen.
„Der Kongress hat einmal mehr bewiesen: Der Wandel ist machbar – wenn wir ihn gemeinsam gestalten", sagte Dekan Prof. Dr.-Ing. Díaz. Gießens Oberbürgermeister Frank Tilo Becher hatte die Veranstaltung am ersten Tag eröffnet, am zweiten begrüßte Ulrich Staiger, Leiter des Referates Baurecht, Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum, die Gäste. Sie alle waren sich einig, dass die digitale Baugenehmigung kein Zukunftsszenario sei, sondern gelebte Praxis. Die Zusammenarbeit zwischen Behörden, Wirtschaft und Wissenschaft bleibe entscheidend. Für den 4. und 5. Mai 2027 ist deshalb der nächste Kongress in Gießen geplant.
Quelle: THM Pressestelle, Gießen, 28. Mai 2026