Studieren in Preston - Ein Erfahrungsbericht unseres ehemaligen Studenten Ali-Riza Ciftcioglu

Autor: Ali-Riza Ciftcioglu
Fachbereich: Mathematik, Naturwissenschaften und Informatik
Oktober 2009

1. Vorwort

Dieser Bericht beschreibt meinen Auslandsaufenthalt in Preston (England), der vom September 2008 bis Juni 2009 dauerte. Es werden insbesondere die Punkte erwähnt, die im besonderen Zusammenhang mit meiner Blindheit stehen.

Zuerst wird ein Überblick über das Bewerbungsverfahren und die damit verbundenen Schwierigkeiten gegeben. Anschließend werden die ersten Wochen kurz umrissen. Weitere Punkte finden dann chronologisch unabhängig Eingang in den Bericht. Das Resümee gibt abschließend eine Zusammenfassung der persönlichen Meinung + einer Empfehlung für zukünftige Austauschstudenten wieder. Eine Liste wichtiger Kontaktstellen oder zu weiterführenden Informationen befindet sich im Anhang. 

2. Vorbereitungen

2.1.  Auswahl des Studienortes

Die Auswahl des Landes verlief problemlos. Dieses Land musste folgende Kriterien erfüllen:
Es musste eine Kooperation zwischen meinem Fachbereich (Mathematik, Naturwissenschaften und Informatik bzw. der Fachhochschule) und der Gastuniversität bestehen. Dies dient zur Vereinfachung und Reduzierung bürokratischeHürden.

Die Gastuniversität musste Informatik als Studienfach anbieten. Das versteht sich von selbst, da ich Informatik studiere.
An der Gasthochschule musste es eine Einrichtung geben, die Menschen mit Behinderungen bei der Durchführung des Studiums unterstützt. Wie schon erwähnt - diese Bedingung musste aufgrund meiner Blindheit gestellt werden.
Daher kamen die Partneruniversitäten in Australien und in den vereinigten Staaten nicht in Frage und letztendlich blieb Großbritannien übrig - genauer die University of Central Lancashire (UCLAN) in Preston.

2.2.  Bewerbung

Vor der Bewerbung ist unbedingt mit dem an der Heimatuniversität zuständigen Professor/Mentor über die Kursauswahl im Ausland zu sprechen. Die ausgewählten Kurse werden dann in das Bewerbungsformular übernommen (Learning Agreement) und mit weiteren persönlichen Daten (Name etc.) versehen. Dieses Formular ist noch nicht behinderten- oder blindenspezifisch. Allerdings sollte hierbei mitgeteilt werden, ob und welche Behinderung vorliegt. Zur Verifikation ist ein augenärztliches Atest beizulegen, welches in englischer Sprache sein muss.

Hinweis: Dieses Atest wird noch bei anderen Gelegenheiten benötigt.

In meinem Fall erfolgte nach der Bewerbung eine Kontaktaufnahme von der Gasthochschule. Hier wurde versucht, eine Vorabanalyse potentieller Probleme durchzuführen. Hierdurch sollten etwaige Schwierigkeiten mit der Behinderung erkant und beseitigt werden. Obwohl dies auf den ersten Blick sinnvoll erschien, hat sich im Nachhinein vieles quasi von selbst erledigt. Ein Grund hierfür war die Notwendigkeit das Learning Agreement und damit einige Module zu entfernen bzw. zu ersetzen.

Von Vorteil ist jedoch, wenn diejenige Person ihre spezifische Ausrüstung ins Ausland mitnehmen kann, was bei mir der Fall war. Konkret handelte es sich um einen Laptop mit installiertem Screenreader und einer Braillezeile. In Preston wäre bestimmt diese Ausrüstung verfügbar gewesen, es hätte jedoch einen erheblichen bürokratischen Aufwand und Einarbeitungszeit gekostet. Der behindertenspezifische Teil der Bewerbung beruht darauf, dass die UCLAN einen Betrag zur Absicherung von ca. 12.000 Euro verlangt. Dieses Geld wird für eventuelle Aufwendungen, die konkret eine Behinderung betreffen, verwendet. Bei der Bewerbung muss nachgewiesen werden, dass dieser Betrag vorhanden ist (bspw. Bestätigung vom deutschen akademischen Austauschdienst (DAAD)). Bei Abschluss einer Leistung (z. B. vorlesen) werden die Kosten von der Fachhochschule an die Gastuniversität bezahlt. Die Fachhochschule bezieht ihrerseits die Mittel vom DAAD.

Um eine Kostenübernahme vom DAAD zu erhalten muss man als Student nachweisen, dass es keine weiteren Möglichkeiten der Finanzierung dieser besonderen Bedürfnisse gibt. Ich musste sowohl beim Landeswohlfahrtsverband (LWV) als auch beim örtlichen Sozialträger diesbezüglich eine schriftliche Bestätigung einholen. In beiden Fällen gibt es keine gesonderte Finanzierung für behinderte Menschen, die im Ausland studieren. Allerdings hat mir der LWV weiterhin Blindengeld gezahlt unter der Bedingung, dass ich nach dem Auslandsaufenthalt wieder in Hessen wohne. Dies ist im Übrigen keine gesetzliche Pflicht des Kostenträgers. Für das Antragsformular für den DAAD sollte man ein wenig Zeit mitbringen bzw. es rechtzeitig beantragen, um etwaige Probleme mit der Kostenübernahme zu vermeiden. Bei mir wurde der Antrag Mitte/Ende August (also etwa 2-3 Wochen vor dem Auslandsaufenthalt) fertig gestellt bzw. zur Bearbeitung dem DAAD übersendet. Obwohl es keine zeitlichen Probleme in der Hinsicht gab, sollte man nichts desto Trotz den Antrag so früh wie möglich einreichen. Die Mitarbeiter des Auslandsreferates standen mir dabei helfend zur Seite.

2.3. Unterkunftssuche

Diese verlief ohne größeren bürokratischen Aufwand. Es gibt Selbstverständlich kann man auch privat nach einer Wohnung oder einem Zimmer suchen. Man sollte dies möglichst 4-5 Wochen vor dem Aufenthalt tun. Der Vorteil hierbei liegt in den Kosten (meistens günstiger).

Hinweis: Entscheidet man sich für eine Unterkunft beim dortigen Studentenwerk, tritt der Vertrag schon dann in Kraft, wenn die Person das Zimmer betreten hat. Gerade für Menschen mit visuellen Einschränkungen ist diese Bedingung sehr ungünstig. Während der Einführungswoche (orientation week) habe ich versucht, ein Zimmer zu finden, welches privat vermietet wird. Jedoch habe ich nichts mehr finden können. Im anderen Fall hätte das Studentenwerk bei mir jedoch eine Ausnahme gemacht - ich hätte aus dem Vertrag austreten können. Ein weiteres Problem liegt in der protektionistischen Politik des Studentenwerkes.

Ich wollte im Dezember umziehen. Jedoch teilte man mir mit, dass es schwierig wäre ein Zimmer zu finden, welches für mich geeignet wäre, aber man würde es versuchen. Daraufhin teilte ich ihnen mit, dass dieses Zimmer ruhig höher liegen könnte (meines war im Erdgeschoss). Es wurde daraufhin erwidert, dass das nicht möglich wäre, um bei einem Zwischenfall (wie z.B. einem Brand) eine reibungslose Flucht zu gewährleisten. Meiner Meinung nach war das eine Ausrede bzw. man wollte sich einfach nur absichern.

Möchte man diese Probleme umgehen, sollte man sich daher ein Privatzimmer mieten. Andererseits liegen die Unterkünfte des Studentenwerkes auf dem Kampus, was sehr bequem hinsichtlich der Orientierung ist.

3.  Der Auslandsaufenthalt

3.1.  Orientierungsphase

Wenn man als Austauschstudent an die Universität in Preston kommt, hat man die Möglichkeit, eine einwöchige Einführungsphase mitzumachen. Diese gibt erste Einblicke in das Studentenleben und weitere Anlaufstellen werden mitgeteilt. Aus meiner Sicht sollte man an diesen Veranstaltungen teilnehmen. Ich konnte diese Zeit nutzen, um die notwendigsten Wege zu lernen. In dieser Phase bekommt der Student je einen Buddy an die Seite. Der- oder diejenige zeigt bzw. erklärt alles, was der Ankömmling wissen möchte.

Mein Buddy übernahm die Funktion mir die Wege zu einigen Universitätsgebäuden zu zeigen. Selbstverständlich bin ich, als dieser nicht mehr da war, selbst losgezogen, um die Stadt näher in Augenschein zu nehmen. 2-3 Tage lang endete es damit, dass mich Passanten die ich fragte, zurück in meine Unterkunft brachten, weil ich die Orientierung verloren hatte. Aber dies besserte sich schnell. Die zweite Woche sah daher in der Hinsicht schon viel besser aus. Ein Mobilitätstraining habe ich daher auch nicht in Anspruch genommen. Allerdings habe ich mir eine textuelle Beschreibung der Routen schicken lassen, die ich nicht kannte.

 In der zweiten Woche traf ich etliche Menschen, die eine Bedarfsanalyse hinsichtlich der Blindheit durchführten:

Was wird für das Studium selbst benötigt? Dies wird durch ein Assessment festgestellt, welches ungefähr 500 Pfund kostete. Meiner Meinung nach war das Assessment nicht nötig und extrem überteuert. Notwendig für mich war hier eine Unterstützung in der Klausurphase und die Umsetzung von Lernmaterialien in digitale Form.

Was wird für den Privatbedarf benötigt (Haushalt, etc.)? Ein Mitarbeiter einer Art Arbeitsvermittlung besucht dabei das Wohnheim des Studenten und es wird gemeinsam erörtert, was notwendig ist. Existiert Bedarf im nichtakademischen Bereich, so wird eine Hilfskraft vorbeigeschickt, die eine unterstützende Tätigkeit aufnimmt. Hier habe ich eine Unterstützung fürs Putzen angefordert.
Leider war entweder die Firma oder die Hilfskraft sehr unzuverlässig. Vereinbarte Termine wurden ihrerseits nicht wahrgenommen und weder eine schriftliche oder telefonische Absage ging bis dahin ein. In Zukunft sollte man vielleicht privat nach solch einer Hilfskraft suchen, falls notwendig.

Mobilität: Hier sollen vor allem benötigte bzw. potentiell benötigte Wege vermittelt und trainiert werden. Bedarf meinerseits bestand keiner.

Zur Einführungsphase kann man abschließend sagen, dass sie ziemlich gut durch die UCLAN unterstützt wurde.
Weitere Anlaufpunkte waren das international Office bzw. eine allgemeine Anlaufstelle (auch The I genannt). Selbst wenn diese keine konkreten Hilfestellungen geben konnten, konnten sie jedoch meistens auf Abteilungen oder Personen verweisen, die weiterhelfen konnten.

3.2  Das Studium

Hier gab es keine größeren Probleme. Vieles wurde individuell abgesprochen. Zum Beispiel ist das Lernportal der UCLAN unzureichend zugänglich für Blinde. Daher haben mir alle Lehrkräfte Dokumente per E-Mail zugeschickt. Laborarbeiten habe ich meistens autonom durchgeführt. Zweierteams wurden bei Bedarf spontan gebildet. Einen dauerhaften Kontakt zu meinen Kommilitonen konnte ich jedoch nicht etablieren. Grund hierfür könnte die kulturelle Distanz sein. Ich vermute eher, dass es menschlich einfach nicht gepasst hat. Zum Beispiel kam man auf mich nicht zu; und bei meinen Versuchen endete es zumeist damit, dass sich die Zusammenarbeit lediglich auf eine spezifische Aufgabe begrenzte.

Die Umsetzung einiger Bücher kam rechtzeitig bzw. Teile, die schon umgesetzt wurden, wurden mir sofort per E-Mail zugestellt. Dies war besonders im Englischkurs sehr wichtig, denn das verwendete Buch ist sehr grafisch ausgelegt. Besonders dieser Kurs barg am Anfang Schwierigkeiten. Das Department of Language wollte wohl eerst sicherstellen, dass ich gut versorgt bin. Denn vorher wurde ich nicht zum Unterricht zugelassen. Obwohl hierdurch kein Nachteil entstand, fand ich die Entscheidung sehr fragwürdig. Die Zwangspause betraf nur eine Unterrichtseinheit. Gegen Ende dieses Kurses gab es Versorgungsengpässe; diese waren jedoch kursorganisatorischen Ursprungs und hatten mit der Umsetzung an sich nichts zu tun. Die anderen Kurse verliefen reibungsloser.

In der Bibliothek gibt es einen Bereich mit mehreren Computerarbeitsplätzen, die speziell für Blinde und Sehbehinderte hergerichtet wurden. Eine Braillezeile stand nicht zur Verfügung; jedoch hatte man je nach seinen Gewohnheiten die Wahl zwischen dem JAWS und Supernova Screenreader. Auch lassen sich in Eigenregie Dokumente einscannen und weiterbearbeiten. Weiterhin eignet sich der Bereich zum Arbeiten, da sich dort fast niemand aufhält. Jedoch kann man von diesen Arbeitsplätzen aus nicht drucken. Die einfachste Lösung hierfür besteht darin, in das Specialized Learning Resources Unit (SLRU) zu gehen und sich dort etwaige Dokumente drucken zu lassen. Dieses Center befindet sich ebenfalls in der Bibliothek und ist vergleichbar mit dem Blindenzentrum an der Fachhochschule Gießen-Friedberg.

3.3  Öffentliche Verkehrsmittel

Auch in Großbritannien gibt es spezielle Konditionen für blinde Reisende. Es gibt keinen Schwerbehindertenausweis wie man ihn in Deutschland vorfindet. Es wird folgendermaßen unterschieden:

Bus: Hier muss der Reisende einen bus pass vorweisen. Diesen bekommt man kostenlos in der Stadtverwaltung. Ein augenärztliches Attest, eine Studienbescheinigung von der Gasthochschule und die Kopie des Mietvertrages sind mitzubringen.

Bemerkung: Der bus pass gilt nur täglich zwischen 09:30 und 22:00 Uhr. Außerhalb dieser Zeiten zahlt man pro Ticket einen Betrag von 50 Pence. Angeblich soll dies in Bälde abgeschafft werden.

Zug: Hier muss eine Karte zum Preis von 18 Pfund erworben werden. Das augenärztliche Attest ist beizulegen. Dafür bekommt man eine Ermäßigung von 34 Prozent auf jedes Ticket + dieselbe Ermäßigung für eine Begleitperson. Die Karte kann online bestellt werden. Eine Kreditkarte zur Zahlungsabwicklung ist empfehlenswert und sollte vor Reiseantritt angefordert werden.

3.4  Freizeitgestaltung

Man mag sich fragen wie ich die Freizeit verbracht habe, wobei ich doch eher wenig mit WG-Mitbewohnern und Kommilitonen zu tun hatte. Zum einen gab es Kontakte, die ich in den ersten zwei Wochen zu internationalen Studenten geknüpft habe. An der UCLAN gibt es verschiedenste socities, die mit Vereinen hierzulande zu vergleichen sind. Es lag daher nicht fern, der International Society beizutreten, die Ausflüge in diverse Städte organisierte und letztlich eine Grundlage für neue Studis aus dem Ausland, das Land besser kennen zu lernen, legte. Die UCLAN Islamic Society war die zweite in der ich Mitglied wurde. Hier lernte ich vor allem Menschen kennen, die selbst in Preston wohnen.
Es kam sehr oft vor, dass man die Freunde von den Bekanntschaften kennen gelernt hat. Somit ergab sich ein großer aber überschaubarer Freundeskreis.
Auf meine Blindheit haben alle ausnahmslos positiv reagiert. In der Hinsicht wurden keinerlei Unterschiede gemacht. Gleichzeitig wurde mir jedoch geholfen, wenn es auf Grund dieser notwendig wurde. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie mir beim Bowling assistiert wurde.
Meistens habe ich mich mit Freunden getroffen. Leider war ich jedoch nicht so oft außerhalb von Preston so wie ich es eigentlich vorgehabt hatte.

Wichtig ist jedoch, dass der Kontakt zu vielen immer noch vorhanden ist.

4.  Resümee

Obwohl diese Reise mit vielen Schwierigkeiten begann, hat sie doch letztendlich eine sehr positive Wendung genommen. Ich würde es noch einmal durchführen, wenn ich die Gelegenheit dazu hätte. Menschen mit Einschränkungen empfehle ich diesen Schritt ebenfalls zu wagen und neue, andere Erfahrungen zu sammeln. Die Tatsache, das Preston orientierungstechnisch etwas chaotischer ist als Gießen sollte den Bewerber nicht abschrecken. Flexibilität und Kontaktfreudigkeit sollte man mitbringen. An dieser Stelle möchte ich mich bei allen bedanken, die mich direkt oder indirekt bei der Vorbereitung und Durchführung des Auslandsaufenthaltes unterstützt haben.

Anhang: Kontakt- und Internetadressen

 A Anhang: Kontakt- und Internetadressen

Auslandsreferat THM:

http://www.thm.de/international

Einer der ersten Anlaufpunkte wenn es ums Studium im Ausland geht. Bemerkung: Ebenfalls ist Rücksprache mit dem zuständigen Professor am jeweiligen Fachbereich zu halten. In meinem Fall war es Herr Peter Löffler.

International Office:

http://www.uclan.ac.uk/information/international/index.php

Das Gegenstück zum Auslandsreferat. Hier gibt es weitere Informationen u. a. zu Wohnheimen. Während des Auslandsstudiums kann man sich immer dahin wenden, wenn es Probleme gibt. Hier wurde mir z. B. geholfen, wenn es um orientierungstechnische Fragen ging.

Disabled Railcard:

http://www.disabledpersons-railcard.co.uk

Hier kann man das Bewerbungsformular für die Railcard herunterladen. Bei mir hat es ca. 1-2 Wochen gedauert bis ich sie bekommen habe.

Disabled Bus Pass:

https://www.gov.uk/apply-for-disabled-bus-pass

Nützliche Informationen zur Beantragung einer Busfahrkarte. Eine Liste der ausstellenden Behörden ist ebenfalls vorhanden.

Specialised Learning Resources Unit:

Achtung, dieser Link ist nicht mehr aktuell!
http://www.uclan.ac.uk/information/services/slru/index.php

Liste der Socities an der UCLAN:

http://www.uclansu.co.uk/societies

Auch die International Society findet sich hier.

Bei weiteren Fragen kann man mich unter der E-Mailadresse:Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!erreichen.