Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann informiert sich über elektronisches Lernportal an der THM

GIESSEN (fod). Jahrzehntelang war körperlich behinderten Menschen ein Hochschulstudium so gut wie unmöglich. Und wenn, dann angesichts des weitgehenden Fehlens von Barrierefreiheit nur unter sehr erschwerten Bedingungen. Doch das hat sich mittlerweile grundlegend geändert. Auch dank des Engagements von Mitarbeitern solcher Einrichtungen wie dem Zentrum für blinde und sehbehinderte Studierende (Bliz) an der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM). Vor zwei Jahren bekam man dort 1,4 Millionen Euro für vier Jahre für den Aufbau des Hessischen Elektronischen Lernportals für chronisch Kranke und Behinderte (H-eLB). Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann stattete gestern dem Bliz einen Besuch ab, um sich über den aktuellen Stand des Projekts bei Halbzeit zu informieren.

THM-Präsident Günther Grabatin, der die Ministerin gemeinsam mit Bliz-Direktorin Prof. Erdmuthe Meyer zu Bexten empfing, geht davon aus, dass derzeit etwa acht Prozent der Studierenden seiner Hochschule ein „Handicap“ haben. Sei es nun Blindheit, starke Sehschwäche, weil sie auf einen Rollstuhl angewiesen sind oder an den Folgen eines schwereren Unfalls leiden. Projektleiter Ahsan Amanullah berichtete, dass „fast jeder 12. Student körperlich eingeschränkt ist und jeder 60. eine körperliche Behinderung hat, die das Studium beeinflussen kann“. Bei in diesem Sommersemester fast 13000 Studierenden an allen THM-Standorten zusammen, davon etwa 7200 in Gießen, ergibt sich somit eine relativ hohe Zahl an Betroffenen.

In einer Präsentation gab Amanullah einen Überblick des derzeitigen Projektstands. Geschaffen wurde ein virtueller Campus mit E-Learning-Angeboten wie auch E-Vorlesungen und E-Klausuren unter Einbeziehung modernster Video- und Kommunikations-Technik. Und das in beiden Richtungen, so kann man vom heimischen Computer Fragen an den Professor stellen und umgekehrt. Diese Möglichkeiten könnten auch von nicht-behinderten Studierenden, etwa bei einem Auslandsaufenthalt, genutzt werden. Eine elektronische Signatur stellt bei Klausuren sicher, dass es sich um den richtigen Prüfling handelt. Und der „Anti-Schummel-Helm“, wie das mobile-videobasierte Blickrichtungserkennungssystem scherzhaft genannt wird, verhindert das Spicken zuhause am Computer.

Kühne-Hörmann zeigte sich sehr beeindruckt von den Fortschritten seit dem Start des Projekts 2010. „Sie haben hier bereits Grenzen überschritten, von denen wir bei der damaligen Bescheid-Übergabe nicht gedacht hätten, dass dies möglich ist“, machte sie den BliZ-Mitarbeitern ein dickes Kompliment. Allerdings gab sie auch zu bedenken, dass „mit den neuen Techniken das gesamte Lehrverhalten beeinflusst wird“. So könnte es zu einer Debatte unter Hochschullehrern kommen, da es dort sicherlich viele gebe, die es kritisch sehen, wenn ihre Vorlesungen live ins Internet übertragen werden. Und so empfand sie es als bessere Lösung, vorgefertigte Lehrmodule ins Netz zu stellen. Sie habe insgesamt „große Sorge, dass negative Dinge hochkommen, die dann das Positive überstrahlen“, sagte Kühne-Hörmann und betonte, dem Projekt eine wichtige Bedeutung beizumessen.

Noch aber haben die Entwickler am BliZ einige Zeit, sämtliche Eventualitäten und rechtliche Aspekte - der THM-Datenschutzbeauftragte Hajo Köppen ist mit eingebunden - zu berücksichtigen. Denn laut Projektleiter Ahsan Amanullah soll H-eLB erst spätestens Anfang 2015 als Online-Plattform in den regulären Semesterbetrieb starten. Bis dahin ist ausgiebiges Testen vorgesehen. Dennoch hat sich die Idee bereits an anderen Hochschulen in ganz Deutschland herumgesprochen. „Auf uns sind schon viele zugekommen und haben ihr Interesse bekundet“, wusste er zu berichten.

Quelle: http://www.giessener-anzeiger.de/lokales/hochschule/12342771.htm