Hände, die eine taktile Zeichnung tasten

Der Anblick von Blinden mit Stock oder Blindenhund gehört in Marburg zum Alltagsbild. Das liegt an der Blindenstudienanstalt, die von weither Blinde und Sehbehinderte anzieht. Wenn sich deren Absolventen dann für ein Studium entschließen, dann meist an der Philipps-Universität, die ihnen eine außergewöhnlich intensive Unterstützung anbietet. Dabei bevorzugen die Studierenden buchlastige Fächer wie Jura oder Sozialwissenschaften.

Was aber machen Blinde, die eher eine Neigung zur Mathematik oder Technik verspüren? Für sie hat die Informatik-Professorin Erdmuthe Meyer-zu-Bexten an der Fachhochschule Gießen-Friedberg das Zentrum für blinde und sehbehinderte Studierende (BliZ) aufgebaut. Die Studierenden finden hier zahlreiche technische Hilfsmittel vor: Sie legen ihre Lehrbücher auf Scanner und lassen sie sich mit synthetischer Stimme vorlesen. Wenn die Texte erst mal im Computer stecken, können sie aber auch über eine Ausgabezeile, in der hervorschießende Stifte Brailleschrift darstellen, abgetastet werden. Wer noch einen Rest an Sehvermögen mitbringt, kann sich auch die Vorlage mit einer Videokamera auf einem Bildschirm vergrößern. Und nicht zuletzt wartet eine Kaffeemaschine.

Erdmuthe Meyer-zu-Bexten betrachtet Blindheit aber nicht nur als technisches Problem. Blinde und Sehbehinderte dürfen ihre Prüfungen im BliZ ablegen, wozu sie doppelt soviel Zeit eingeräumt bekommen. „Heute habe ich einem neuen Studenten einen Wohnheimplatz besorgt, ihm bei der Einschreibung geholfen, Hilfsmittel beantragt und mit ihm gemeinsam einen Stundenplan aufgestellt", erzählt sie. Neben der individuellen Betreuung bietet das BliZ ein Mentorenprogramm an und bereitet Unterrichtsmaterialien, wie Skripte und Übungszettel, für die sehgeschädigten Studierenden auf.

Von der Kompetenz der Fachhochschule Gießen-Friedberg profitieren auch die anderen Hochschulen in der Stadt. 25 Studierende von der eigenen Fachhochschule betreut sie am BliZ, aber auch zehn Studierende der Universität und einen von der Verwaltungsfachhochschule. An der Universitätsbibliothek hat sie einen kompletten Arbeitsplatz für Blinde und Sehgeschädigte eingerichtet.

Daneben arbeitet die Fachhochschul-Professorin mit verschiedenen Medizintechnik-Firmen zusammen. Zur Zeit testet sie Produkte einer großen Medizintechnikfirma auf Blindentauglichkeit, wozu insbesondere auch Software und Handbücher gehören. Internetseiten werden im BliZ darauf geprüft, ob sie wie versprochen barrierefrei sind. Mit diesem Studienangebot im Zentrum für blinde und sehbehinderte Studierende steht die Fachhochschule Gießen-Friedberg unter den deutschen Fachhochschulen einzigartig da.

Hochschule Mittelhessen (2005)