Der letzte Vorlesungsblock der THM-Lehrveranstaltung „Elektrische Gebäudesicherheitstechnik“ fand im Sommersemester 2019 nicht auf dem Friedberger Campus, sondern im Showroom der Frankfurter Niederlassung der Firma Siemens in der Lyoner Straße statt. Die Tagesexkursion unter der Leitung des Dozenten Thomas Petrasch stand ganz im Zeichen der voranschreitenden Digitalisierung in der Gebäudetechnik. Auf Firmenseite hatte Carsten Meißner die Organisation sowie Themenauswahl übernommen und mehrere Siemens-Kollegen als Fachreferenten eingeladen. Die Siemens-Experten stellten in ihren fünf interessanten Vorträgen neue Entwicklungen im Bereich der Gebäudetechnik vor.

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Der erste Vortrag behandelte das Thema „Building Information Modeling“ (abgekürzt: BIM; auf Deutsch: Gebäudedatenmodellierung). Die Grundlage von BIM ist ein 3D-Computermodell des jeweiligen Objektes, das um Informationen wie Zeit, Kosten, Nutzung erweitert wird. Alle relevanten Gebäudedaten werden an zentraler Stelle digital gespeichert. Ziel von BIM ist es, eine Methode zu schaffen, die das Planen, Bauen und Bewirtschaften von Gebäuden mittels durchgängiger Informationsverarbeitung und offener Standards reibungslos und effizient ermöglicht. Jede Änderung bestimmter Gebäudedaten steht allen Beteiligten (Architekt, Fachplaner, Betreiber) aufgrund der gemeinsamen Datenbasis sofort zur Verfügung. Ein mit der BIM-Software Autodesk Revit erzeugtes Gebäudemodell konnten mehrere Studierende zum Abschluss des Vortrags mit Hilfe einer VR-Brille virtuell begehen.

Der zweite Siemens-Referent stellte verschiedene neu entwickelte IoT-Applikationen für die Gebäudetechnik vor. Auch die Firma Siemens nutzt das Internet der Dinge, um Mehrwerte für ihre Kunden zu schaffen. Ein genanntes Beispiel war die Smart Access-Lösung eines Personenzählers, der die in einer Hochschulbibliothek vorhandenen Leseplätze verwaltet. Dazu werden geeignete Hardware-Sensoren, wie z. B. Videokameras, über die Cloud mit entsprechenden Software-Services verknüpft.

Sobald digitale Daten über die Cloud versendet werden, muss der Thematik Cybersicherheit eine zentrale Bedeutung zugemessen werden. Daher wurde nach einer kurzen Kaffeepause im dritten Vortrag der Schutz von digitalen Daten behandelt. Die Präsentation begann mit den Fragen an die Studierenden, wie das menschliche Immunsystem arbeitet und ob diese menschlichen Abwehrmethoden auf die Computertechnik übertragbar sei. Dieser interessanten Analogie folgte als ein konkretes Beispiel der Diebstahl von Kundendaten der US-amerikanischen Supermarktkette Target. Abschließend wurden konkrete Schutzmaßnahmen vorgestellt, wie Hacker-Angriffe auf Computersysteme abgewehrt werden können.

Der vierte Vortrag leitete mit einem Foto aus einem bekannten Agentenfilm von der Cyber Security zur Physical Security über. Philipp Landmann stellte in seinem Beitrag moderne IP-gestützte Einbruchmeldeanlagen (abgekürzt: EMA) vor. Die Nutzung des Internet-Protokolls sorgt auch in der Einbruchmeldetechnik für Vorteile, wie z. B. die Kabellängenzunahme bei der IP-Vernetzung der einzelnen EMA-Komponenten. Zweiter Schwerpunkt des vierten Vortrags war das Thema Perimeterüberwachung. Unterschiedliche Schutzziele für sensitive Bereiche bedingen eine gezielte Sensorenauswahl. Die Funktionsweise verschiedener Sensoren wurde an konkreten Exponaten im Showroom vorgeführt.

Nach interessanter geistiger Kost sorgte Siemens auch für das körperliche Wohlbefinden der Besuchergruppe. An einem Büffet konnten die Gäste mit belegten Brötchen, Miniwraps, Grillspießchen und einem leckeren Dessert ihren Hunger stillen.

Den fünften Vortrag hielt Carsten Meißner selbst. Als Brandschutzexperte erläuterte er die Parametriermöglichkeiten der intelligenten Siemens-ASA-Brandmelder. Die Abkürzung ASA steht für „Advanced Signal Analysis“. Mit Hilfe spezieller Algorithmen im Rahmen des Signalanalyseprozesses ist eine zuverlässige Vermeidung von Falschalarmen (durch Täuschungsgrößen wie Abgase, Staub oder Dampf) möglich. Die Fähigkeiten der ASA-Brandmelder führte Carsten Meißner in Versuchen am Brandmeldermodell praktisch vor.

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Der Besuch bei Siemens diente nicht nur der Vermittlung von Fachwissen aus dem Bereich der Elektrischen Gebäudesicherheitstechnik, sondern schuf auch Raum für generelle Betrachtungen. Nichts ist bei der Firma Siemens auch im einhundertzweiundsiebzigsten Jahr des Bestehens so sicher wie der beständige Wandel. Aufgrund der Megatrends Digitalisierung, Urbanisierung, Globalisierung, demografischer Wandel und Klimawandel fanden bei Siemens Umstrukturierungen statt. So wurden u. a. die Bereiche Gebäudetechnik, Energienetze, industrielle Schalttechnik und Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge zur Division Smart Infrastructure zusammengefasst. Derartige Entwicklungen in der Elektroindustrie beeinflussen die Modernisierung des Lehrangebots des THM-Fachbereichs IEM. Zukünftig werden auch am traditionsreichen Elektroingenieurausbildungsstandort Friedberg „Smart Technologies“ im Vordergrund stehen.