Mit ihrer Geschäftsidee, Dolmetscher per Videokonferenz am Smartphone in Aktion treten zu lassen, wollen Rojan, Frank und Segen (von links) eine eigene Firma gründen.Ein Kind ist kollabiert. Die Mutter versucht händeringend, dem Notarzt etwas zu sagen. Doch die Frau spricht arabisch. Was sie mitzuteilen hat, kann lebenswichtig für ihr Kind sein; aber das Rettungsteam versteht sie nicht. In solchen Fällen muss schnellstmöglich ein Dolmetscher her. Ein junges Trio aus Gießen will dafür sorgen, dass auch die sprachliche Verständigung „per Notruf“ klappt.

Frank Melchior, seine Frau Rojan und Segen Etbarek haben Betriebswirtschaft an der TH Mittelhessen studiert und gemeinsam eine Geschäftsidee entwickelt. Sie wollen eine Firma mit dem Namen insermo gründen, eine automatisierte Vermittlung von Dolmetschern. Mit ihrem Konzept haben sie sich am Wettbewerb „Hessen Ideen“ beteiligt, den das Wissenschaftsministerium für Hochschulangehörige ausrichtet. Sie konnten die Jury überzeugen. Seit Juli bekommen sie für ein halbes Jahr ein monatliches Stipendium in Höhe von jeweils 2000 Euro. Das Geld soll sie dabei unterstützen, ihr Startup so vorzubereiten, dass sie ihr Angebot mit Erfolg als Selbständige vermarkten können. Sie wollen eine Online-Plattform bereitstellen, über die man lizenzierte Dolmetscher direkt erreichen kann, die sich als Übersetzer am Handy einschalten: Im Regelfall per Videokonferenz im Internet oder telefonisch, sollte es keine Online-Verbindung geben.

Rojan Melchior, eine Kurdin, und ihr Mann hatten sich schon während der Flüchtlingskrise 2016 in einem Dolmetscherbüro zusammengetan, um ihre Mehrsprachigkeit in den Dienst von Migranten und staatlichen Institutionen zu stellen. Trotz der bestehenden Nachfrage gelang es ihnen aber nicht, an den richtigen Stellen präsent zu sein. Sie erhielten kaum Aufträge von Kommunen. Frank Melchior, der für einen Mobiltelefonhersteller arbeitet und sich mit Kommunikationstechnik auskennt, brachte einen Vorschlag ein. „Warum soll eine Dolmetscherin zum Beispiel von Gießen nach Kassel fahren, um dort zwischen Asylbewerbern und Behördenleuten zu übersetzen, wenn der Mobilfunk eine Videokonferenz per Handy ermöglicht?“, erläutert er.

Dieser Pragmatismus, der auch ein Einsparen von Kosten verspricht, zählt zu den Stärken des Beitrags, mit dem das Team erfolgreich aus dem Wettbewerb Hessen Ideen hervorging. Segen Etbarek, die aus Eritrea stammt, erweiterte mit ihrer Sprachkompetenz und zusätzlichen Kontakten das multilinguale Spektrum. Schon jetzt hat ein bemerkenswerter Pool von 80 Dolmetschern eingewilligt, über ihre Plattform abrufbar zu sein. Ob Arabisch, Armenisch, Kurdisch in mehreren Dialekten, Farsi, Hindi, Tigrinya, das man in Äthiopien und Eritrea spricht, oder die Klassiker Englisch, Französisch und Spanisch – die künftige Gießener Firma insermo wird im Netz für viele Verständigungsprobleme automatisch Lösungen anbieten.

Doch bis es soweit ist, hat man noch einige Arbeit vor sich. Derzeit stellt das Trio sein Produkt und Leistungsangebot deutschlandweit vor allem bei Kreisverwaltungen vor. Bis Ende 2019 wollen Frank, Rojan und Segen zwei bis drei Kommunen und Unternehmen als Großkunden gewonnen haben. Ist ihnen das gelungen, soll der nächste Schritt folgen: die Gründung einer GmbH.