Wie Menschen verschiedener Nationen sprechen auch Forschende verschiedener Disziplinen unterschiedliche Sprachen – eine Herausforderung für gemeinsame Innovationen und Transfer. Das Verbundprojekt „Transferplattform für Biologie und Technik: Bionik Marktplatz“ nimmt sich dem Thema an: Am Beispiel der Bionik soll der Wissenstransfer zwischen Technik und Biologie verbessert werden und zu einem besseren gegenseitigen Verständnis führen.
Lotusblätter als Vorbild für selbstreinigende Oberflächen oder Termitenhügel als Vorbild für effiziente Belüftungssysteme in Gebäuden – nur zwei Beispiele aus dem Bereich der Bionik, die Ansätze aus Biologie und Technik miteinander vereinen und Lösungen für technische Herausforderungen schaffen. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Verbundprojekt der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in Frankfurt, dem Leibniz-Institut für Verbundwerkstoffe in Kaiserslautern und der Technischen Hochschule Mittelhessen will einen sogenannten Bionik-Marktplatz etablieren. Dieser soll es den Ingenieurinnen und Ingenieuren ermöglichen, gezielt, systematisch und schnell nach potenziell geeigneten biologischen Vorbildern zu suchen. An der THM ist das Projekt am Kompetenzzentrum für Automotive, Mobilität und Materialforschung (AutoM) bei Professor Dr.-Ing. Udo Jung angesiedelt. Wie auch das Projekt Boost – ein biologisch inspiriertes Sitzsystem nach dem Vorbild der Moostierchen – ist das Projekt eines von mehreren Bionik-Projekten an der THM.
„Unser Ziel ist es, ein sprachliches Matching-Verfahren zu entwickeln, das die Fachbegriffe unterschiedlicher Wissenschaftsrichtungen zusammenführt“, erläutert Vanessa Lüdke, wissenschaftliche Mitarbeiterin in dem Projekt. Die Informationsgrundlage könne wiederum für eine digitale Plattform genutzt werden: ein Marktplatz zum disziplinübergreifenden Austausch, der die verschiedenen Fachtermini berücksichtigt und Übersetzungsleistungen liefert.
Im Rahmen des Projekts sind kürzlich Biologinnen und Biologen sowie Ingenieurinnen und Ingenieure auf dem THM-Campus in Friedberg zusammengekommen, um in einem Workshop die praktische Zusammenarbeit der bionischen Produktentwicklung zu simulieren. „Vielleicht haben Sie etwas in Ihrer Forschung entdeckt, das in der Technik eingesetzt werde könnte oder andersherum“, leitete Lüdke den Workshop ein. In einer ersten Arbeitsphase tauschten sich die Forschenden über die notwendigen Fähigkeiten aus, um bionisch arbeiten zu können.
Nachdem jeder Teilnehmende ein Produkt aus seinem Forschungsgebiet vorgestellt hatte – vom Laufrad eines Radialventilators bis zum Wombat-Schädel – war Teamwork gefragt: Zwei gemischte Teams erarbeiteten jeweils ein bionisches Produkt. Das Ergebnis: Eine Vorrichtung nach dem Vorbild eines Vielfraß-Gebisses und ein Fischsaugnapf: ein Saugnapf nach Vorbild eines Fisches, der nicht nur an glatten, sondern auch an porösen Flächen unter Wasser haftet.
Die Reflexion zeigte: Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler waren sich einig darin, dass die praktische Zusammenarbeit den Wissenstransfer vereinfacht. „Man spricht unterschiedliche Sprachen, geht Themen unterschiedlich an – diese Struktur ist heute zum ersten Mal aufgebrochen“, resümierte apl. Prof. Dr. Irina Ruf, Sektionsleiterin Mammalogie am Senckenberg Forschungsinstitut. Der gemeinsame Austausch habe alle „auf eine Ebene gebracht“. „Wir Biologen wissen nicht, wo technische Probleme liegen und Ingenieure suchen nach Lösungen für ihre Probleme, wissen aber nicht, welche Lösungsansätze es bereits in der Biologie oder Natur gibt.“ Daher sei es wichtig, eine gemeinsame Transferplattform zu entwickeln. Denn: Die Bionik könne viele innovative Produkte hervorbringen.