Mit zwei
Beiträgen zur Entwicklung der Hochschullandschaft hat die öffentliche
Vortragsreihe zum Thema „Forschung - Weiterbildung - Transfer: die Hochschule
in der Region" an der FH Gießen-Friedberg begonnen. FH-Präsident Prof. Dr.
Günther Grabatin sprach über „Die Fachhochschule auf dem Weg zur Technischen
Hochschule". Burkhard Gröschl, Leiter der Zentralabteilung Personal bei der
Essener Hochtief AG, widmete sich der „Bedeutung der neuen Hochschulabschlüsse
Bachelor und Master für die Wirtschaft."
Grabatin sieht seine Hochschule auf einem erfolgreichen Weg. In diesem Wintersemester hat die Studentenzahl erstmals die 10.000er-Marke überschritten. Das spreche für das attraktive Ausbildungsangebot der FH. Und auch in der Forschung gehöre man - gemessen an den eingeworbenen Drittmitteln aus Bundesprogrammen - zu den besten Fachhochschulen in Deutschland.
Der, so Grabatin, ein wenig provokante Titel seines Vortrags gewinne seine Berechtigung daraus, dass zwei politische Vorgaben tendentiell zu einer Aufhebung der Unterschiede zwischen Fachhochschulen und Universitäten führten. War Forschung bis vor zehn Jahren einzig den Universitäten vorbehalten, so definiere das Hessische Hochschulgesetz von 1998 Forschung als Dienstaufgabe aller Hochschulen. Den zweiten Einschnitt markiere die Erklärung von Bologna im Jahr 1999, in der sich 29 europäische Staaten das Ziel setzten, einen gemeinsamen Hochschulraum zu schaffen. Die Verschiedenartigkeit der Abschlüsse von Fachhochschulen und Universitäten sei damit praktisch aufgehoben. Ab 2010 werde es nur noch Bachelor- und Masterabschlüsse geben, die nicht mehr nach Hochschultypen differenziert seien.
Konkurrenzfähige Masterstudiengänge, so der FH-Präsident, könne man aber nur in einem funktionierenden Forschungsumfeld anbieten. Deshalb sei die Etablierung einer Infrastruktur für anwendungsorientierte Forschung ein übergeordnetes Ziel der nächsten Jahre. Mit Landesmitteln, durch die zum Beispiel ein wissenschaftlicher Mittelbau finanziert werden könne, sei nicht zu rechnen. Deshalb sei die FH Gießen-Friedberg dabei, mit bescheidenen eigenen Mitteln diese Infrastruktur zu schaffen. Noch in diesem Jahr gründe die Hochschule zunächst sieben wissenschaftliche Kompetenzzentren, in denen das Forschungspotential organisatorisch gebündelt werde. Damit, so Grabatin, wolle man in die Lage kommen, auch große Forschungsprojekte zu akquirieren, über die dringend benötigtes wissenschaftliches Personal finanziert werden kann. Auf einen ersten Erfolg konnte Grabatin bereits verweisen. Im Rahmen der „Landesoffensive zur Entwicklung wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz" war die FH Gießen-Friedberg mit dem Forschungsprojekt „Biomedizinische Technik" erfolgreich. 4,3 Millionen Euro stehen der FH daraus in den kommenden drei Jahren zur Verfügung.
Burkhard Gröschl referierte im zweiten Vortrag über die Bedeutung der neuen Abschlüsse Bachelor und Master. Die Vorteile des Bachelors lägen auf der Hand, so Gröschl: „Die Absolventen sind jünger, das Studienangebot differenzierter und die Studiengänge international vergleichbarer." Trotzdem gebe es nach wie vor Zweifel, besonders was die Qualifikation der Absolventen betrifft. Viele ehemals neunsemestrige Diplomstudiengänge seien zum Sechs-Semester-Bachelorstudium umetikettiert worden, stellt der Personalleiter fest: „Nicht selten mussten darunter die Praxisanteile leiden."
In der Erklärung „Bachelor-Welcome" bekennen sich Unternehmen zu den Absolventen der neuen Studiengänge und sichern ihnen attraktive Einstiegschancen und Weiterbildungsmöglichkeiten zu. 80 namhafte Firmen, darunter auch Hochtief, haben die Erklärung bereits unterzeichnet. Gleichzeitig fordert die Wirtschaft von den Hochschulen, den Studenten Basis- und Schlüsselkompetenzen anwendungsorientiert zu vermitteln und die Profile der Studiengänge an der Nachfrage auszurichten.
Laut Gröschl liegt eine zentrale Aufgabe der Unternehmen darin, die Absolventen intern weiterzubilden. Mit Trainee- und Jobprogrammen würden die Bachelorabsolventen gefördert. Bei der US-amerikanischen Hochtief-Tochter Turner hätten 92 Prozent der eingestellten Mitarbeiter einen Abschluss als Bachelor. Weiterbildung spiele dort, wie im gesamten Konzern, eine große Rolle: Turner unterstütze beispielsweise ein weiterführendes Masterstudium auch finanziell. Entscheidend laut Burkhard Gröschl ist jedoch nicht der Abschluss an sich: Es komme auf die Inhalte des Studiengangs an.
In den nächsten Vorträgen der Reihe referieren Prof. Dr. Andreas Slemeyer über „Qualität in Studium und Lehre" und Prof. Dr. Ulrich Vossebein über das neue Hochschulzentrum für Weiterbildung. Die Veranstaltung beginnt am Mittwoch, 22. Oktober, um 17.15 Uhr im Raum C10 der Fachhochschule in Friedberg (Wilhelm-Leuschner-Straße 13).