Felix Baum (v.l.), Joscha Schmidt und Ludwig Sauer gehören zu den ersten THM-Studierenden, die nach einem entschleunigten Studienstart mit „GettING Started“ ihr Hauptstudium der Elektro- und Informationstechnik begonnen haben. Foto: THMWer sich gleich nach dem Startschuss verausgabt, wird es schwierig haben, ins Ziel zu kommen. Das gleiche gilt oftmals auch für Studierende der als schwierig geltenden Elektro- und Informationstechnik. Das Land Hessen hat sich daher 2017 das Ziel gesetzt, durch ein „Studium der angepassten Geschwindigkeit“ die Abbruchquote zu verringern. An der Technischen Hochschule Mittelhessen wurde dafür das vom Wissenschaftsministerium geförderte Programm „GettING Started“ am Fachbereich „Elektro und Informationstechnik“ integriert. Die um zwei BAföG-fähige Semester gestreckte Studienvariante kommt bei Studierenden so gut an, dass das Programm ab 2021 fest am Fachbereich verankert wird.

Felix Baum, Joscha Schmidt und Ludwig Sauer aus Eschenburg im Lahn-Dill-Kreis gehörten zu den ersten Studenten, die ihren Weg an die THM über „GettING Started“ gefunden haben. „Ich weiß nicht, ob ich es ohne das Programm überhaupt geschafft hätte“, sagt Sauer zweifelnd – dabei wollte er sein Studium eigentlich so schnell wie möglich angehen. Doch er sah bei seinen Kommilitonen und Freunden Baum und Schmidt, welche Vorteile das entschleunigte und zugleich vertiefte Studieren mit sich brachte und stieg im zweiten Semester ebenfalls ein. Mittlerweile sind die jungen Männer allesamt im Hauptstudium angekommen – und zufrieden. Schmidt sagt: „Ich habe nicht das Gefühl, langsamer zu sein als die regulär Studierenden.“ Oft säße man bei den selben Klausur nebeneinander.

Diesen Eindruck hat auch Leonie Alteheld, die das Programm betreut: „Die Dauer des regulären Studiengangs beträgt sieben Semester, aber im tatsächlichen Schnitt sind es mehr als neun.“ Mit dieser Erklärung muss sie vielen Studierenden erst einmal die Furcht nehmen, durch „GettING Started“ Zeit zu verlieren. Denn vielmehr gibt es Zeit zu gewinnen, sich vertieft mit den Grundlagen für das folgende Hauptstudium zu befassen. „Das Programm nutzen zum Beispiel Menschen mit Migrationshintergrund gerne, Studierende mit Familie oder solche, die kein Abitur haben. Ihnen fehlt oft die Oberstufen-Mathematik, doch die brauchen sie“, erklärt Alteheld. Prof. Dr. Katja Specht, für die Lehre zuständige Vizepräsidentin der THM, ergänzt: „Alle Studierenden sollen die Chance bekommen, ihr Studium erfolgreich absolvieren zu können. Dies gilt gerade dann, wenn die Voraussetzungen dazu aus verschiedenen Gründen schwierig sind.“

Tutorien, zweitägige Repetitorien und – vor der Corona-Pandemie – auch eine längere Exkursion reichern das Programm an. Hinzu kommt ein Mentoring mit Fokus auf Selbstorganisation, Zeitmanagement oder wissenschaftliches Arbeiten. Die persönliche Beratung der Studierenden durch Leonie Alteheld gibt Raum für Themen, die darüber hinausgehen. Diese Kombination aus fachlicher Unterstützung und individueller Beratung hebt auch Specht hervor: „So werden die Studierenden nicht nur inhaltlich gefördert, sondern können sich auch jederzeit mit Fragen oder Problemen an ihre Ansprechpersonen wenden“, sagt sie.

Für Felix Baum zählt aber noch etwas Anderes: „Wir sind eine Gruppe, die gemeinsam lernt, aber auch außerhalb des Studiums viel zusammen macht“, sagt er: Man unterstützt sich gegenseitig, motiviert, gibt Ratschläge. Ludwig Sauer ist davon so überzeugt, dass er seit einigen Semestern als Mentor sogar neue Studierende in das Programm einführt. Er hilft angehenden Elektroingenieuren jetzt, sich in Gießen und in ihrem fordernden Studium gleichermaßen zurechtzufinden.

Etwa 50 Studierende nehmen Semester für Semester zum ersten Mal ihre Lehrbücher für Elektro- und Informationstechnik in die Hand, davon knapp 15 Prozent in der entschleunigten Variante. Zuletzt sei die Ausstiegs-Quote gegen null gegangen, so Alteheld. Ein Erfolg, der auch in Wiesbaden nicht unbemerkt bleibt. Das Programm, das unter anderen Namen und mit jeweils eigenen Profilen auch an den Hochschulen in Fulda und Darmstadt läuft, wird im Koalitionsvertrag und im Hochschulpakt explizit genannt. Am Fachbereich EI der THM wird es sowohl von Lehrenden als auch von Beschäftigten und Studierenden auf allen Ebenen hinweg als Bereicherung angesehen und wird deshalb nun dauerhaft angeboten.

Und das muss noch nicht alles sein: „Es ist durchaus vorstellbar, dass in Zukunft das Konzept des entschleunigten Studieneinstiegs auch in andere Fachbereiche integriert wird“, deutet Vizepräsidentin Prof. Dr. Katja Specht an.