Deglobalisierung, Nationalisierung, Regionalisierung – der Blick auf die politische und wirtschaftliche Lage der Welt zeigt Tendenzen des Rückzugs. Dem stellen Prof. Dr. Benjamin Löhr, Heike Siebert und Alexandra Hofmann vom Fachbereich Wirtschaft der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) eine transatlantische Business-Simulation gegenüber – und erhalten dafür den Hessischen Hochschulpreis für Exzellenz in der Lehre.
Das englischsprachige Modul „International Business Simulation (Blended)“ verbindet seit 2023 eine virtuelle Projektphase mit Präsenzwochen in Gießen und Russellville in den USA und bildet Studierende aus Deutschland, den USA und inzwischen auch Finnland in interkulturellem Projektmanagement aus. Die fachliche Wissensvermittlung tritt dabei teilweise – und gewollt – gegenüber der Vermittlung überfachlicher und interkultureller Kompetenzen zurück.
Den Auftakt machten Löhr und Siebert just zu einem Zeitpunkt der engsten Horizonte: Im „Zeitalter der Videokonferenzen“ antizipierten sie 2021 bereits die Zeit nach der Pandemie, in der virtuelles und reales Miteinander im internationalen Geschäftsleben zusammenfließen. Zusammen mit Gabriele Haulmark, an der Arkansas Tech University (ATU) in Russellville für internationale Kontakte zuständig, boten sie im ersten Schritt eine gemeinsame Onlineveranstaltung an, die von Studierenden beider Hochschulen begeistert aufgenommen wurde. Daraufhin konzipierten sie eine Lehrveranstaltung mit einem virtuellen Projektplanspiel als Herzstück, das einen realistischen Blick auf die moderne Wirtschaft erlaubte. „Wir simulieren die Arbeitsbedingungen in globalisierten Unternehmen“, erklärt Löhr: Englischsprachige Echtzeit-Kommunikation über Zeitzonen hinweg und unter Zeitdruck. „Wir laden Studierende aus aller Welt ein, ihre Komfortzonen zu verlassen und ihren Horizont zu erweitern.“
2023 begrüßten sie die ersten Gäste aus Russellville, im selben Jahr noch folgte der Gegenbesuch. Sogar die Gouverneurin von Arkansas hieß die Mittelhessen willkommen. Finanziell unterstützt wird diese Mobilität durch Erasmus+, rund 100.000 Euro wurden so bereits eingeworben. „Durch die finanzielle Förderung haben wir die Chance, mit unserem Programm auch sozio-ökonomisch benachteiligte Studierende in die für sie ganz neue Erfahrung einer transatlantischen Studienreise zu verhelfen. Dabei achten wir auf Interdisziplinarität und Diversität“, berichtet Heike Siebert.
Die Austauschwochen setzen die Inhalte der Online-Sessions fort. Sie verbinden Elemente des Planspiels mit Fach- und Gastvorträgen und kulturellem Erleben. So stehen in Deutschland etwa Besuche von Städten wie Marburg oder Köln auf dem Programm, Unternehmensbesichtigungen wie Leica in Wetzlar und eine Reise nach Frankfurt zur Europäischen Zentralbank und der Deutschen Börse. „Für uns in Europa mag eine solche Mobilität normal wirken. Aber zahlreiche Studierende der ATU haben Arkansas noch nie verlassen – geschweige denn die USA“, zeigt Alexandra Hofmann die Dimension auf, die das Lehrmodul für viele Studierende hat.
Neugierde, Kontaktfreudigkeit, Stressresilienz, Selbstorganisation sind nur einige der Schlüsselkompetenzen, die bereits durch das Reisen gefördert werden. „Dabei verstehen wir Kultur nicht eindimensional als Nationalkultur sondern die Studierenden entwickeln im Laufe des Programms eine gemeinsame, übergreifende Kultur – egal ob sie aus Deutschland, USA, Finnland, Nigeria, Iran, Sri Lanka oder Pakistan kommen“, erklärt Hofmann. So sei es ein Leichtes gewesen, Anfang dieses Jahres mit der Kajaani University of Applied Sciences (KAMK) eine finnische Hochschule mit Studierenden aus verschiedenen Herkunftsländern in das Programm zu integrieren. Ganz neu im Boot ist das kanadische Durham College in Oshawa, Ontario, das im Herbst alle THM-Beteiligten für eine Studienexkursion eingeladen hatte – ein begeisternder Abschluss für die aktuell teilnehmenden Studierenden.
Deren Begeisterung teilen nicht nur die Präsidien der beteiligten Hochschulen, die das Projekt nach Kräften unterstützen und auch außerhalb des inhaltlichen Rahmens Kooperationsmöglichkeiten ausloten, sondern auch die Jury des Hessischen Hochschulpreises. Sie lobt „die hohe Reflexionsdichte und didaktische Tiefe“, die sich etwa in den Challenge-Based-Learning-Prinzipien ausdrücke oder dem Ansatz des „Constructive Alignment“, der bereits in der Planung des Moduls Lernziele, Lehr- und Lernmethoden sowie die Prüfungsformen aufeinander abstimmt. Die Verbindung synchroner und asynchroner Lehrelemente, der Wechsel von Online- und Präsenzphasen schaffe zudem einen „direkten Bezug zur globalisierten Arbeitswelt“. Lob gab es auch für die Art des Leistungsnachweises: Anstelle klassischer Prüfungen schreiben die Studierenden zum Beispiel Lerntagebücher mit individuellem Feedback, ergänzt durch Reflexionsaufgaben und kreative Präsentationen.
Die insgesamt vier ausgezeichneten Projekte „fördern kritisches Denken, Empathie und Teamgeist – und schaffen Lernräume, die Mut machen, Neues auszuprobieren“, sagte Hessens Wissenschaftsminister Timon Gremmels in seiner Laudatio. „Gerade in Zeiten, in denen unsere Demokratie unter Druck gerät, braucht es Lehrformate, die Neugier wecken und Haltung fördern.“ Unter diesem Eindruck hatte die Jury die überzeugendsten Ideen aus 38 Bewerbungen von 13 Hochschulen ausgewählt. Mit dem zweiten Preis, verbunden mit einer Zuwendung über 30.000 Euro, die direkt in die Verstetigung des Projektes fließen soll, bedenkt sie die „International Business Simulation (Blended)“ von Prof. Dr. Benjamin Löhr, Heike Siebert und Alexandra Hofmann als Beispiel für exzellente Hochschullehre.
Ein Video zum Projekt findet sich auf der Webseite des HMWK.