Simulation eines typischen Dreierbüros in der Gießener Kreisverwaltung: Schon nach zwei Minuten macht bereits ausgeatmete Luft einen großen Teil des Rauminhaltes aus. Grafik: THMDie Arbeitswelt ist eine andere, seit die Corona-Pandemie den Alltag beherrscht. Homeoffice ist das Arbeitsmodell dieser Zeit. Doch nicht jede Aufgabe lässt sich dauerhaft von Daheim erledigen. Viele Behörden und Verwaltungen wie die des Landkreises Gießen mussten daher schon vor Monaten Arbeitsabläufe umstrukturieren, auch in Bereichen ohne direkten Kontakt zum Bürger. Im Winter stellen sich viele Fragen – besonders zum Lüften – zudem noch drängender als in den Sommermonaten.

„Als Dienstleister mit über 1000 Beschäftigten stehen auch Infektionsschutz und Hygiene in unserem Arbeitsalltag ganz vorne auf der Agenda“, sagt Landrätin Anita Schneider. „Hier müssen wir auch unserer Fürsorgepflicht für die Gesundheit unserer Beschäftigten nachkommen. Denn erst sie machen es möglich, dass wir täglich Bürgerinnen und Bürgern notwendige Leistungen anbieten können.“ Die Kreisverwaltung sei dankbar für das Angebot der THM zur Zusammenarbeit für die Studie, die wichtige Hinweise zur Nutzung von Büros und Sitzungsräumen liefert, erklärt Schneider. „Einmal mehr kann der Landkreis von der Nähe zum Hochschulstandort Gießen profitieren.“

Dr. Lara Stein hatte als interne Hygienebeauftrage der Kreisverwaltung mit dem Fachbereich Gesundheit der Technischen Hochschule Mittelhessen Kontakt aufgenommen, nachdem die Kreisverwaltung auf die Forschungsarbeit von Prof. Dr. Henning Schneider und Prof. Dr. Keywan Sohrabi zu Aerosolverbreitungen in Innenräumen beim Tragen verschiedener Mund-Nasen-Masken aufmerksam geworden war. Das Ziel der neuen Studie in Zusammenarbeit mit der Kreisverwaltung war nun, das Strömungsverhalten ausgeatmeter Luft in Büros darzustellen und daraus Empfehlungen zum Lüften und zur Maske abzuleiten.

Drei der weitgehend standardisierten Büros – Einzel-, Doppel- und Dreierbüro – der Verwaltung am Riversplatz sowie ein Konferenzraum wurden dafür vermessen und am Computer nachgebildet. Die echten Atmungsdaten des THM-Mitarbeiters Niklas Ostwald im Ruhezustand, im normalen Gespräch und bei einem Vortrag speisten die Wissenschaftler ebenso ein wie ein Strömungsmodell der TU Dresden, das die Simulation des Lüftens ermöglichte. „Es ist wichtig, hier physiologisch korrekte Parameter zu verwenden“, erklärt Sohrabi. Er verweist auf ähnliche Simulationen für Klassenzimmer, bei denen die ausgeatmeten Aerosole der Lehrkraft simuliert worden seien – dass aber auch die Zuhörenden atmen, sei unterschlagen worden. In ihrer Masse seien sie aber eine nicht zu vernachlässigende Größe.

Eine Beschränkung der Simulation stellte die schiere Datenflut dar: Für jedes Büro wurden 3000 Berechnungsschritte vorgenommen – für den großen Konferenzraum der Verwaltung weniger. So kamen 260 Stunden Rechenzeit zusammen und 1,7 Terrabyte Daten. Für 120 Sekunden „Atemzeit“ pro Raum, davon die Hälfte bei offenen Fenstern und Türen. Genug Zeit, um zu zeigen, dass die Räume schnell kaum „unbenutzte“ Luft mehr bieten. Katharina Hofmann, die für Sohrabi und Schneider an der Studie mitwirkte, schränkt ein: „Wir stellen hier nur ausgeatmete Luft dar.“ Die sei nicht direkt mit Aerosolen gleichzusetzen und die wiederum tragen nur bei infizierten Menschen und bei denen in individuell ganz unterschiedlichem Maße das SARS-CoV-2-Virus. Und doch erlaube die Simulation Rückschlüsse darauf, wie zu vermeiden ist, die von anderen Menschen ausgeatmete Luft einzuatmen. Rückschlüsse, die nicht nur für die Räume der Kreisverwaltung gelten.

Deshalb geben die Forscher einfache und praktisch umzusetzende Hinweise:

  • Alle 15 bis 20 Minuten lüften, idealerweise bei ebenfalls geöffneter Tür.
  • Je größer oder höher der Raum, desto länger muss gelüftet werden.
  • Sitzpositionen außerhalb des Lüftungsvektors – also des Luftzugs – sollten vermieden werden.
  • Optimal sind Arbeitsplätze am Fenster.
  • All dies gilt uneingeschränkt auch für Einzelbüros – weil etwaige Besucher sonst in stark verbrauchte und möglicherweise belastete Luft eintreten.
  • In Konferenzräumen empfiehlt sich das durchgängige Tragen der Maske für alle Teilnehmer während der Konferenz.

Für die Kreisverwaltung waren die Ergebnisse der THM-Studie in vielen Punkten eine Bestätigung: So gibt es schon länger eine Maskenpflicht, sobald der eigene Arbeitsplatz verlassen wird, und jede Organisationseinheit verfügt über ein individuelles Hygienekonzept. Auch zum Lüften hatte die Kreisverwaltung bereits im Sommer ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beraten. „Wirklich neu war für uns, wie genau sich verschiedene Lüftungsweisen auswirken“, sagt Hygienebeauftragte Dr. Stein. „Wir profitieren von der Erkenntnis, dass nur Stoßlüften im richtigen zeitlichen Umfang wirksam Aerosole und damit Krankheitserreger aus der Raumluft entweichen lässt.“ Zugleich sei nochmals deutlich geworden, dass auch Dreierbüros möglichst nur von höchstens zwei Personen zugleich genutzt werden sollten, da die Konzentration der Aerosole sonst deutlich steigt.

Die Erkenntnisse hat der Landkreis aufgenommen und den Beschäftigten über den Newsletter des Corona-Verwaltungsstabs vermittelt. „Alltagsmasken und Abstand helfen, Tröpfcheninfektionen zu vermeiden. Nur das richtige Lüften kann aber dazu beitragen, die Konzentration der Aerosole zu verringern“, so das Fazit von Landrätin Schneider. „Von den Erkenntnissen können mit Sicherheit viele Unternehmen in ihrem Arbeitsalltag profitieren. Die AHA+L-Regeln sind auch im Büro sinnvoll.“