An einem halben Drehtag wurden die Power Break Clips mit den THM-Studierenden Timur Eroglu, Gonca Firat, Johannes Gärtner, Viktoria Münch (v.l.), Anne Schlumbohm und Patrick Wirth (nicht im Bild) produziert. Foto: THMAls Anfang 2019 das Projekt „Studium 360°“ von Technischer Hochschule Mittelhessen (THM) und Techniker Krankenkasse (TK) an den Start ging, ahnte niemand der Verantwortlichen, dass es ein Jahr später vor einer ungeheuren Hürde stehen würde. Doch das Projekt entwickelte sich durch die Herausforderung „Corona“ weiter. „Studium 360°“ ist darauf ausgerichtet, die physische und psychische Gesundheit der Studierenden zu verbessern – ein Aspekt, dem in der Pandemie gesteigerte Bedeutung zukommt. „Das Gesundheitsmanagement hat einen Stellenwert wie nie zuvor“, merkt Prof. Dr. Katja Specht an, die Vizepräsidentin für Studium und Lehre. „Junge Menschen sind durch die Pandemie besonders betroffen“, sagte sie. Die THM wolle helfen, Sorgen, Nöte und Belastungen zu lindern. Und so haben sich die Probleme der Studierenden zum zentralen Thema des Projektes entwickelt und viel Nachhaltiges hervorgebracht.

Viele junge Studierende haben noch nie einen realen Blick in ihre Hochschule geworfen. „Dies ist das dritte Semester, das fast rein digital stattfindet“; sagt Johanna Vogt, die das Projekt „Studium 360°“ koordiniert. Es sei wichtig, zu wissen, wie es ihnen damit geht. In Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Gesundheit wurde dafür im Rahmen einer Bachelorarbeit eine interne Erhebung an der THM vorgenommen – mit deutlichen Ergebnissen: Während vor der Pandemie acht Prozent der Studierenden mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatten, waren es zum Zeitpunkt der Befragung im Dezember 2020 rund 36 Prozent. 73 Prozent spürten vermehrte Müdigkeit, 60 Prozent fühlten sich einsamer, 38 Prozent dachten oft „Ich kann nicht mehr“. Und auch auf den Geldbeutel schlug Corona durch: Fast ein Drittel aller Studierenden hat seit Pandemiebeginn weniger Geld zur Verfügung, ein Fünftel verlor den Job.

Dem Team von „Studium 360°“ zeigten diese Zahlen, dass es richtig sei, die Bedingungen in der Homestudy genannten Parallelversion zum Homeoffice noch stärker in den Blick zu nehmen. Wie schwer es sein kann, Studierende überhaupt zu erreichen, machten Mitglieder des Lenkungsausschusses deutlich, die zugleich in der Lehre aktiv sind: Man spreche bei Zoom-Vorlesungen meist in schwarze Kacheln – Video- und Audiofunktion ausgeschaltet. Es werde häufig allenfalls auf direkte persönliche Ansprache reagiert. Das Angebot, sich in digitalen Café-Räumen zu verbinden, werde kaum angenommen. Die im Hörsaal üblichen Verständnisfragen nach Vorlesungsende seien digital quasi ausgestorben, Sprechstunden blieben leer. Und das – möglicherweise unbegründete – Gefühl, für eine Prüfung nicht ausreichend vorbereitete zu sein, sorge dann ohne Rückkopplung zur Lehrperson meist direkt zum Rücktritt von einer Klausur.

„Es gibt inzwischen viele Mehrfachbelastungen bei den Studierenden“, sagt Vogt – klar sei auch, dass die Hochschule diese nicht alle lösen könne. Weil aber die Impfquote bei den Studierenden absehbar bis in den Verlauf des Wintersemesters nicht hoch genug sein dürfte für eine umfassende Rückkehr zur alten Lehr- und Lern-Normalität, sind Ideen wichtig, die auch vor dem heimischen Rechner funktionieren. Insbesondere unter Einbeziehung des Hochschulsports sind so in knapp anderthalb Jahren Angebote entstanden, die auch „nach Corona“ Fortführung finden können. Sie zielen vor allem darauf ab, bewegte Unterbrechungen in die Bildschirmzeit zu bringen. Angebote wie die „Power Breaks“ gibt es als Live-Termin mit Bewegungsprofis, als kleine Clips zum Einbinden in Vorlesungen und Vorträge oder als App – eine überwältigende Mehrheit der Teilnehmenden fühlte sich nach einer Einheit wacher und konzentrierter. Neue „THMoveCards“ bringen spielerisch und analog einfache, effektive Übungen für mehr Bewegung in den Alltag. Im Unterprojekt „Standhaft“ geht es darum, die Nachteile langen Sitzens zu verdeutlichen und im Rahmen einer Bachelorarbeit eine kostengünstige Möglichkeit für das Homestudy zu finden, im Stehen zu arbeiten.

Wert legt Vogt mit Blick auf die Ergebnisse der Umfrage aber besonders auf „THMental“: Die Online-Angebote zu psychischer Gesundheit sollen zusammen mit der Zentralen Studienberatung und dem Verein „Irrsinnig menschlich“ ausgebaut werden. In einem Online-Forum, das seit Beginn der Pandemie dreimal angeboten wurde, erhielten Studierende Unterstützung und Ermutigung – gerade durch die Erkenntnis, mit ihren Problemen nicht allein zu sein. Ein Forum für Beschäftigte folgt, bei dem der Frage nachgegangen wird, wie Studierende mit psychischen Problemen begleitet werden können. „Wir wollen die Möglichkeit zur interaktiven und niederschwelligen Vernetzung bieten“, sagt Vogt. Und so ein Netz schaffen, das länger hält als die Pandemie.