Steffi Hanrath Luminar AIDie Einführung von ChatGPT und ähnlichen KI-Technologien stellt den Bildungsbereich vor große Herausforderungen. Diese Technologien werden die Lehr- und Lernprozesse an Hochschulen verändern, sie bergen Risiken, bieten jedoch auch Chancen.

Vor allem aber sind diese Technologien nicht aufhaltbar und werden sich mit immensem Tempo weiterentwickeln. Als Lehrende und Mitarbeitende an einer Hochschule ist es daher unsere Aufgabe und Verantwortung, die Auswirkungen und Möglichkeiten dieser Technologien im Hochschulsektor zu analysieren und einen sinnvollen Umgang mit ihnen zu finden. Dass die THM dazu bereit und das Interesse an diesem Thema groß ist, zeigte sich deutlich im Rahmen des Workshop des Zentralen Prüfungsamts zum Thema „Rechtssicherer Umgang mit ChatGPT“ am 04.09.2023 in Gießen.

In diesem Gastbeitrag möchte ich einige wenige Chancen, Risiken und Herausforderungen von ChatGPT im Hochschulbereich aus Sicht einer Lehrenden exemplarisch beleuchten. (Es handelt sich dabei um eine individuelle Auswahl und Perspektive und spiegelt nicht die Einstellung sämtlicher Kolleginnen und Kollegen am Fachbereich und an der THM wieder.)

Als ChatGPT Ende November 2022 der Öffentlichkeit kostenfrei zugänglich gemacht wurde, rief dies weltweit zunächst vereinzelte Verbote und Nutzungseinschränkungen innerhalb von Netzwerken in Schulen und Hochschulen hervor. Doch schnell wurde deutlich, dass ein generelles Verbot oder eine Beschränkung der Nutzung aus verschiedenen Gründen keine praktikable (Stichwort: Nachweisbarkeit des Einsatzes) und vor allem keine sinnvolle Lösung ist. Denn mit ChatGPT sind nicht nur Nachteile und Gefahren verbunden, sondern auch Potenziale und Chancen, sowohl für den Einsatz in der Lehre und beim Lernen selbst als auch vor allem für der Einsatz in der unternehmerischen Praxis, auf die wir unsere Studierenden mit der Übermittlung entsprechender Kompetenzen schließlich bestmöglich vorbereiten wollen.

Eine der größten Chancen sehe ich im Moment in der individuellen Unterstützung von Lernprozessen. Schon lange suchen und nutzen wir Konzepte und Instrumenten um der Heterogenität unserer Studierenden gerecht zu werden. ChatGPT kann als als eine Art personalisierter „Nachhilfelehrer“ oder „Tutor“ Lernprozesse individuell unterstützen. Studierende können zu jeder Zeit und innerhalb von Sekunden verständliche Antworten auch auf komplexe Fragestellungen erhalten, die sich ihnen z.B. im Rahmen der eigenständigen Vor- und Nachbereitung von Veranstaltungen stellen. Es sind keine aufwändigen Literaturrecherchen und -auswertungen notwendig, wodurch Lernprozesse beschleunigt und vertieft werden können und vielleicht sogar überhaupt erst zustande kommen.

Die Güte der Lernergebnisse hängt selbstverständlich von der Qualität der von ChatGPT gelieferten Informationen ab. Noch variiert diese stark und es besteht aktuell noch die große Gefahr, dass fehlerhafte, ungenaue oder sogar erfundene Informationen bereitgestellt werden, was im besten Fall zu Verwirrung bei den Studierenden und im schlimmsten Fall zur Aneignung von falschem Fachwissen führen kann. Zwar ist davon auszugehen, dass die Wissensbasis von ChatGPT sich zukünftig exponentiell verbessern wird, dennoch wird es eine zentrale Herausforderung bleiben, unsere Studierenden für diese Qualitätsmängel und Defizite zu sensibilisieren.

Wir müssen ihnen einen reflektierten und kritischen Umgang auch mit dieser Informationsquelle beibringen und sie zudem darin ausbilden, die Fehlerhaftigkeit der Antworten durch den richtigen Umgang mit dem System (richtige Formulierung der Fragestellung bzw. des Auftrags) möglichst gering zu halten. Letztlich wird der reflektierte Umgang mit Systemen wie ChatGPT auch zunehmend eine Anforderung der Unternehmen an ihre zukünftigen Mitarbeitenden sein. Denn immer mehr Unternehmen nutzen ChatGPT oder etablieren eigene ChatGPT-Lösungen, um diverse Aufgaben und Prozesse im Unternehmen effizienter zu lösen und zu gestalten. Darauf müssen wir unsere Studierenden vorbereiten. Um das leisten zu können, müssen jedoch zunächst wir Lehrenden durch entsprechende Schulungen gezielt auf die Nutzung von ChatGPT und anderer KI-Technologien vorbereitet werden.

Natürlich birgt die Verwendung von ChatGPT und die "passivere" Wissensaneignung die Gefahr, dass Studierende weniger oder oberflächlichere Fach- und Methodenkenntnisse erwerben und ihre Fähigkeiten zu eigenständigem Wissenserwerb und selbständiger Problemlösung verlieren. Sie lernen unter Umständen nicht mehr, Informationen selbst zu recherchieren und Quellen kritisch zu bewerten. Da ChatGPT zudem schwierige Sachverhalte vereinfacht und leicht verständlich erklären kann, können Studierende komplexe Probleme ggf. nicht mehr eigenständig analysieren und lösen. Dieser Gefahr kann nur durch sinnvoll angepasste Lehrkonzepte entgegengewirkt werden.

Ferner beobachte ich bei den Studierenden zunehmend Probleme bei der Konzeption und Anfertigung schriftlicher Ausarbeitungen. Vielen Studierenden fällt es schwer, ein Thema zu spezifizieren (Formulierung des Ziels der Arbeit bzw. von Forschungsfragen) und zu strukturieren (Erstellung von Gliederungen). Auch das Schreiben selbst kann Probleme bereiten (Schreibblockaden) oder die wissenschaftlichen Formulierung fällt schwer (Ausdruck, Stil, klare und präzise Sätze). Mit Hilfe von ChatGPT können hier Hemmungen abgebaut, der Einstieg in den Schreibprozess erleichtert und die Schreibqualität verbessert werden.

Die beiden letzten Aspekte machen zudem deutlich, dass wir insbesondere unsere Prüfungsformen und Bewertungskriterien überdenken und anpassen müssen. Schriftlichen Ausarbeitungen, die ohne Aufsicht zu Hause verfasst werden, sind in der traditionellen Form alleine wohl nicht mehr zielführend. Zwar kann über entsprechend angepasste Eigenständigkeitserklärungen der Einsatz von ChatGPT und anderen KI-Systemen bei der Verfassung von schriftlichen Arbeiten verboten oder eine Kennzeichnung verlangt werden. Es existieren aber aktuell noch keine Systeme, die – anders als bei herkömmlichen Plagiaten – die Nutzung von ChatGPT aufdecken. Für die Prüfenden ist es daher schwierig bis unmöglich die Eigenleistungen der Studierenden allein auf Basis der schriftlichen Ausarbeitung zu bewerten. Damit geraten wir Prüfenden auch in eine gewisse Dilemmasituation. Einerseits sind wir nicht so blauäugig zu glauben, dass alle Studierenden ehrlich angeben, ob und in welchem Umfang sie ChatGPT bei der Erstellung ihrer schriftlichen Ausarbeitungen genutzt haben. Andererseits möchte man seine Studierenden auch nicht unter Generalverdacht stellen. Dem können wir nur begegnen, wenn wir Prüfungsformen sinnvoll kombinieren (schriftliche Ausarbeitung zzgl. Kolloquium) und ggf. den Entstehungsprozess einer schriftlichen Ausarbeitung enger begleiten und in die Bewertung einbeziehen. Diesbezüglich besteht sowohl auf Seite der Studierenden als auch auf Seite der Prüfenden der berechtigte und nachvollziehbare Wunsch nach klaren Verhaltensregeln und Bewertungskriterien, die verbindlich festzulegen sind, z.B. in den allgemeinen und/oder fachspezifischen Bestimmungen. Mir persönlich erscheint es allerdings sehr herausfordernd hier zu allgemeingültigen Regularien für die ganze Hochschule oder auch nur für einen Fachbereich zu kommen, schon allein weil jeder Prüfende seine ganz persönliche Einstellung zu Gefahren und Chancen durch den Einsatz von ChatGPT hat.

Natürlich ließe sich diese Aufzählung noch um sehr viele Aspekte ergänzen, die im Wesentlichen auf die Chancen und Risiken bei der Vermittlung von Fach-, Methoden und Selbstkompetenzen abzielen. Ich möchte abschließend jedoch noch die Gefahr der sozialen Entfremdung anführen. Ein entscheidendes Element in der Hochschulbildung ist die Entwicklung von Sozialkompetenzen, die vor allem durch Interaktion zwischen Lehrenden und Studierenden und unter den Studierenden gebildet werden. Die Verwendung von ChatGPT darf nicht zu Isolation, dem Verlust von Empathie oder einem Mangel an Kommunikations- oder Teamfähigkeit führen.

Verfasserin:
Prof. Dr. Stephanie Hanrat
Fachbereich Wirtschaft THM Buisiness School

Leitung Zentrum für Qualitätsentwicklung THM