Franziska VogtDie Verwendung generativer Künstlicher Intelligenz (KI) zur Bewertung von Prüfungen an Hochschulen wirft komplexe Fragen auf, sowohl zu ihrer Eignung als auch zur rechtlichen Zulässigkeit. Im Folgenden werden die prüfungsrechtlichen Aspekte am Beispiel von ChatGPT beleuchtet.

Welche Anforderungen zu berücksichtigen sind, um Prüfungsleistungen an Hochschulen zu bewerten, ergibt sich zunächst aus Landesrecht, hier § 22 Abs. 2 HessHG 1 Hiernach sind Prüfungsleistungen nur von Personen zu bewerten, die selbst mindestens die durch die Prüfung festzustellende oder eine gleichwertige Qualifikation besitzen, § 22 Abs. 2 Satz 2 HessHG. Aus dieser Formulierung folgt, dass der Prüferin oder dem Prüfer Personenqualität zukommen muss, es folglich gerade auf die menschliche Qualität desjenigen ankommt, die oder der die Bewertung der Prüfungsleistung vornimmt 2. Diese Auslegung wird durch § 22 Abs. 2 Satz 1 HessHG gestützt, welcher die geeigneten Personengruppen explizit benennt und hierdurch die Voraussetzung einer menschlichen Qualität betont. Diese Formulierung zu den Anforderungen an die Person der oder des Prüfenden findet sich auch im Bundesrecht, in § 15 Abs. 4 HRG 3 und wurde darüber hinaus an der Technischen Hochschule Mittelhessen in § 16 der Abs. 1 AB 4 übernommen. Es herrscht mithin auf allen rechtlichen Ebenen Einigkeit darüber, dass die Personenqualität ein entscheidendes Kriterium darstellt. ChatGPT hingegen mangelt es an diesem erforderlichen Kriterium der Person im Sinne der genannten Vorschriften, sodass ChatGPT nach gültiger Rechtslage keine Bewertung von Prüfungsleistungen an Hochschulen vornehmen darf, bzw. eine Verwertung der selbigen nicht zulässig ist 5. Beruht die Bewertung allein auf dem Erzeugnis von ChatGPT, welches wortgetreu übernommen wird, liegt also keine taugliche Bewertung vor6. ChatGPT kann im Kontext der Bewertung von Prüfungsleistungen jedoch auch unterstützend wirken, indem es z.B. Ressourcen bereitstellt, die der prüfenden Person bei der Formulierung der Bewertung helfen. Schlussendlich liegt aber auch hier die endgültige Verantwortung für die Bewertung selbst bei der gem. den obengenannten Vorschriften qualifizierten Person7. Diese hat in ihrer Funktion als prüfende Person das spezifische Fachwissen, mit der die Prüfungsleistung und die Bewertungskriterien entwickelt werden und - in Abgrenzung zu ChatGPT - die Fähigkeit zur kritischen und individuellen Würdigung jeder Prüfungsleistung.

Darüber hinaus sind aus Perspektive der Lehrenden weitere Einsatzszenarien von ChatGPT denkbar. Es obliegt der persönlichen Entscheidung der prüfenden Person, ob ChatGPT, bzw. generative KI im Allgemeinen, unterstützend z.B. im Rahmen der Unterrichtsvorbereitung als Arbeitshilfe für die Erstellung von Unterrichtsmaterialien oder sogar zu Unterrichtszwecken genutzt wird8. In jedem Anwendungsszenario, ob zur Unterrichtsvorbereitung, zu Unterrichtszwecken oder als Arbeitshilfe bei der Bewertung von Prüfungsleistungen9 sind jedoch etwaige entgegenstehende Verwaltungs- und Dienstvorschriften, datenschutzrechtliche Vorgaben in Bezug auf die Verwendung personenbezogener Daten und urheberrechtliche Aspekte zu berücksichtigen10.  


1 Hessisches Hochschulgesetz vom 14. Dezember 2021 (GVBl. S. 931), zuletzt geändert am 2. Juni 2023 (GVBl. S. 456, 472), https://www.rv.hessenrecht.hessen.de/bshe/document/jlr-HSchulGHE2022rahmen/part/X (Stand 27.02.2024).
2 Stabsstelle IT-Recht der bayerischen staatlichen Universitäten und Hochschulen, Prüfungsrechtliche Fragen zu ChatGPT, S. 10.
3 Hochschulrahmengesetz vom 19. Januar 1999 (BGBl. I S. 18), zuletzt geändert am 15. November 2019 (BGBl. I S. 1622), https://www.gesetze-im-internet.de/hrg/ (Stand 27.02.2024).
4 Allgemeine Bestimmungen für Bachelorprüfungsordnungen vom 2. Juli 2014 (AMB 39/2014), zuletzt geändert am 21. Februar 2024 (AMB 15/2024) und Allgemeine Bestimmungen für Masterprüfungsordnungen vom 14. Januar 2015 (AMB 01/2015), zuletzt geändert am 21. Februar 2024 (AMB 16/2024), https://www.thm.de/site/thm-dokumente/studium/modulhandbuecher-studien-und-pruefungsordnungen-studienganginfos/allgemeine-bestimmungen.html (Stand 27.02.2024).
5 Stabsstelle IT-Recht der bayerischen staatlichen Universitäten und Hochschulen, Prüfungsrechtliche Fragen zu ChatGPT, S. 10.
6 Peter Salden & Jonas Leschke (Hrsg.), Didaktische und rechtliche Perspektiven auf KI-gestütztes Schreiben in der Hochschulbildung, S. 36.
7Peter Salden & Jonas Leschke (Hrsg.), Didaktische und rechtliche Perspektiven auf KI-gestütztes Schreiben in der Hochschulbildung, S. 37.
8 Künstliche Intelligenz (KI) in Schule und Unterricht, S. 16f.
9 Vgl. hierzu ausführlich: Peter Salden & Jonas Leschke (Hrsg.), Didaktische und rechtliche Perspektiven auf KI-gestütztes Schreiben in der Hochschulbildung, S. 37.
10 Künstliche Intelligenz (KI) in Schule und Unterricht, S. 16f., Peter Salden & Jonas Leschke (Hrsg.), Didaktische und rechtliche Perspektiven auf KI-gestütztes Schreiben in der Hochschulbildung, S. 37.

Benutzte Quellen:

Allgemeine Bestimmungen für Bachelorprüfungsordnungen 2014 (AMB 39/2014), zuletzt geändert am 21. Februar 2024 (AMB), (Stand 27.02.2024); 
Allgemeine Bestimmungen für Masterprüfungsordnungen 2015 (AMB 01/2015), zuletzt geändert am 21. Februar 2024 (AMB) (Stand 27.02.2024)
Hessisches Hochschulgesetz vom 14. Dezember 2021 (GVBl. S. 931), zuletzt geändert am 2. Juni 2023 (GVBl. S. 456, 472) (Stand 27.02.2024)
Hochschulrahmengesetz vom 19. Januar 1999 (BGBl. I S. 18), zuletzt geändert am 15. November 2019 (BGBl. I S. 1622) (Stand 27.02.2024)
Künstliche Intelligenz (KI) in Schule und Unterricht
Peter Salden & Jonas Leschke (Hrsg.), Didaktische und rechtliche Perspektiven auf KI-gestütztes Schreiben in der Hochschulbildung
Stabsstelle IT-Recht der bayerischen staatlichen Universitäten und Hochschulen, Prüfungsrechtliche Fragen zu ChatGPT

Verfasserin:

Dipl.Jur.Univ. Franziska Vogt
Zentrales Prüfungsamt