01. März 2019

Aufgrund anhaltender Globalisierungstendenzen und der stetig steigenden Verwendung des Englischen als Lingua franca (Verkehrssprache) in der Industrie, in Wirtschaft und Handel sowie in Wissenschaft und Forschung gibt es schon seit zwanzig Jahren Bestrebungen in einigen linguistischen Forschungsbereichen, vor allem in der angewandten Sprachwissenschaft, aber auch zum Teil im Fremdsprachenunterricht Englisch, die Rolle der Aussprache neu zu definieren. Dabei werden die klassischen muttersprachlichen Vorbilder wie die britische bzw. amerikanische Standardaussprache in Frage gestellt und für die Legitimierung von nicht-muttersprachlichen Sprechweisen plädiert. Die Nachahmung einer britischen oder amerikanischen Aussprache sollte nicht mehr erstrebenswert sein, so viele Experten. Weltweit gilt es stattdessen, sich in erster Linie auf Englisch verständigen zu können.

Während man Dänisch lernt, um sich mit Dänen zu unterhalten und Polnisch lernt, um mit Polen zu reden, lernt man heutzutage Englisch nicht unbedingt, um mit Muttersprachlern der englischsprachigen Länder zu kommunizieren. Erübrigt sich dadurch das sture Beharren auf traditionellen Ausspracheregeln im Englischunterricht (wie etwa im Falle des ‚unrühmlichen‘ interdentalen Reibelauts – besser bekannt als ‚th‘), da immer öfter bei der Verwendung des Englischen im Beruf ohnehin keine englischen Muttersprachler dabei sind? Wie denken die THM-Studierenden darüber?

Um das Meinungsbild der THM-Studierenden zu erfassen, wurde Anfang des Wintersemesters 2018-19 mit Unterstützung des ZQE eine Online-Befragung zu diesem Thema durchgeführt. Ermittelt werden sollte eine aussagekräftige Momentaufnahme der Ansichten zur Rolle der Aussprache im Unterricht von Studierenden, die sich im Rahmen eines vom Sprachenzentrum angebotenen Englischkurses im Laufe des Studiums mit Englisch als Fachfremdsprache befassen. Insgesamt 742 Studierende haben einen Fragebogen mit vierzehn Fragen vollständig oder fast vollständig ausgefüllt. Nachfolgend werden die wichtigsten Ergebnisse vorgestellt.

Die Auswertung der gültigen Fragebögen zeigt eine komplizierte und etwas verwirrende Ausganglage. Während ein Drittel aller Befragten der Meinung waren, dass alles, was man zum Thema ‚englische Aussprache‘ wissen muss, bereits in der Schule vermittelt wird, gaben fast die Hälfte (47%) das Gegenteil an. Allerdings war sich mehr als die Hälfte aller Befragten (55%) bewusst, dass sie immer noch Schwierigkeiten mit der englischen Aussprache haben, während 34% bei sich keine Probleme in diesem Bereich sahen. Bei der Frage, ob es sie störe, Englisch mit einem Akzent zu sprechen, antworteten 42% der Befragten mit ‚nein‘, während nur geringfügig weniger (39%) sagten, dass mit einem Akzent zu sprechen für sie nicht wünschenswert sei.

Zu den Kernfragen zur Rolle der Orientierung an muttersprachlichen Aussprachestandards beim Englischlernen waren jedoch die Antworten klar. Drei Viertel aller Befragten (75%) bestätigten, dass sie sich bei der Erlernung der englischen Aussprache an Muttersprachlern orientieren möchten. Dabei scheint die US- bzw. nordamerikanische Variante favorisiert zu werden: 38% der Befragten bevorzugten eine US-Aussprache als Vorbild, während 28% eine britische Aussprache favorisierten. Dieser leichte Vorsprung des US-Englisch ist umso deutlicher, wenn die Ergebnisse zweier Fragen korreliert werden: 26% aller Befragten gaben an, sie bevorzugten die US-Variante und sagten gleichzeitig, dass sie keinesfalls eine britische Aussprache anstrebten, während 17% der Befragten, die eine britische Aussprache als Ziel verfolgten, auch angaben, dass sie keinesfalls wie ein Amerikaner klingen wollten, wenn sie Englisch sprechen. Offensichtlich genießt unter den von Lernenden bevorzugten muttersprachlichen Varietäten die britische Aussprache nicht mehr die Monopolstellung, die ihr im deutschen Bildungswesen traditionell zukam.

Die zentrale Bedeutung der Vorbildfunktion von muttersprachlichen Aussprache-Standards zeigt sich ebenfalls in der Frage zu den immer häufigeren Lingua-franca-Situationen, in denen Muttersprachler nicht unbedingt an der Kommunikation beteiligt sind. Die meisten Befragten gehen davon aus, dass bei der Verwendung des Englischen im späteren Beruf englische Muttersprachler (auch) beteiligt sein könnten. Während nur 33% aller Befragten der Meinung waren, dass es aufgrund fehlender Muttersprachler in solchen Situationen nicht wichtig sei, wie ein englischer Muttersprachlicher zu klingen, gaben fast drei Viertel (73%) an, dass die Orientierung an einer muttersprachlichen Aussprache doch wichtig ist, da es vermutlich kommunikative Situation geben wird, an denen (auch) Muttersprachler beteiligt sind.

Bezüglich der Rolle der Aussprache beim Englischlernen scheinen Lernende an der THM ein großes Interesse daran zu haben, ihre Aussprache zu verbessern. Schon 60% aller Befragten möchten an ihrer Aussprache weiter arbeiten und diese verbessern, während lediglich ein Viertel (25%) der Meinung sind, dass eine gute Aussprache nicht notwendig ist, so lang man sich verständigen kann.

Die überwiegende Mehrheit der Befragten (77%) bestätigten, dass das Üben der Aussprache im Englischunterricht genauso wichtig sei wie die Grammatik und Wortschatzarbeit. Zudem waren 78% der Meinung, dass digitale Medien und die Möglichkeiten im Internet, die englische Aussprache zu üben, nicht ausreichen, um die gewünschte Verbesserung zu erzielen. Was diesen sprachlichen Bereich anbelangt, ist wohl die Hilfe eines Dozenten/einer Dozentin unverzichtbar.

Die Vermittlung einer angemessenen Lautbildung ist keine leichte Aufgabe, und die Studierenden an der THM sind sich einiger dieser Probleme bewusst. Fast zwei Drittel der Befragten (63%) sagten, dass die englische Orthographie, die anders als die deutsche nicht auf phonetischen Prinzipien aufgebaut ist, das Erlernen der Aussprache erschwert. Ungefähr die gleiche Zahl (65%) gaben an, dass sich die meisten Probleme bei der Aussprache im Englischen auf die Aussprache von neu gelernten Wörtern beziehen, deren Aussprache aus der Rechtschreibung nicht erschließbar ist und gesondert gelernt werden muss. Mehr als die Hälfte aller Befragten (52%) sagten, dass man eigentlich erst nach einem Aufenthalt von mindestens einem Jahr in einem englischsprachigen Land seine Aussprache merklich verbessern könnte.

Durch die rege Beteiligung der THM-Studierenden zum Thema ‚englische Aussprache‘ können wir nun im Sprachenzentrum die Bedeutung dieser wichtigen Sprachfertigkeit besser einschätzen und sie dementsprechend in unseren Lehrplänen angemessen berücksichtigen.

Ich möchte mich bei allen Beteiligten an diesem Projekt – sowohl bei den Studierenden, die an der Befragung teilnahmen, wie auch beim ZQE für die gute technische Unterstützung – herzlich bedanken.

Prof. Dr. Ronald Kresta

Leiter Sprachenzentrum

 

Kontakt:

Prof. Dr. Ronald Kresta
Telefon: +49 641 309 2824
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