Bild: Fabian Goedert by FISEGO GmbH
Gründerimpuls…FISEGO Brandbekämpfung auf der Spur
Im Gespräch mit Fabian Goedert, Gründer und Geschäftsführer von FISEGO GmbH

Ist es ihnen schon mal passiert, dass sie ihre eigenen vier Wände verlassen haben und sich dann fragten, ob sie wirklich alle elektrischen Geräte und Mehrfachsteckdosen ausgeschaltet haben?
Wenn „ja“, dann gehören sie zu den fast 90 % der Bevölkerung, die sich solche Gedanken machen. An dieser Stelle ist die Definition sehr wichtig, denn der Unterschied zwischen Feuer und Brand ist, dass ersteres meist gewollt ist, und zweiteres eher ein Schadensereignis beschreibt. Bereits in der Steinzeit wurde das Feuer als das mächtigste Element angesehen und zur Verteidigung vor Tieren und anderen Stämmen genutzt. Einher ging mit der Entdeckung des Feuers auch das Bewusstwerden der potenziellen Gefahr und der zerstörerischen Wirkung. Da Frauen für den Schutz der Familie und der Behausung zuständig waren, ist dieser Urinstinkt bis heute tief verwurzelt und bei Frauen stärker ausgeprägt als bei Männern.
Das Fazit ist also, dass die Angst vor einem Brand nicht erst in den letzten Jahrhunderten wuchs, sondern tief in unserer menschlichen Psyche verwurzelt ist.
Wieso gerade Brandschutz und Sicherheitstechnik?
Goedert: Im Gegensatz zu der immer gleichgebliebenen Angst der Menschen haben sich die Brandursachen über die Jahrhunderte gewandelt.
Im Mittelalter zum Beispiel bestand die größte Brandgefahr in den offenen Feuerstellen und den brennenden Lichtquellen. Im 18. Jahrhundert wurde dann die Elektrizität erforscht. Größere Vorsicht ließ man dann Mitte des 19. Jahrhunderts in Bezug auf Verbrennungsmotoren walten, denn diese wurden mit hochbrennbaren und explosiven Stoffen betrieben.
Die Industrialisierung und die schrittweise Automatisierung, machte Elektrizität immer wichtiger und unersetzbarer. Ebenso stieg auch die Anzahl der Brände durch Elektrizität.
Heutzutage ist Strom und Elektrizität aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken und aus diesem Grund wächst auch die Gefahr eines Brandes mit jedem Gerät.
Was war der Auslöser, um ein Brandschutzsystem zu entwickeln?
Goedert: Ich bin seit 16 Jahren Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Butzbach und musste kurz nach meiner Ausbildung zum Atemschutzgeräteträger als Angriffstrupp (erster Löschangriff) den Kellerbrand im Hause meines besten Freundes löschen. Nach langwierigen Löscharbeiten und einer Brandursachenermittlung stand fest, dass Auslöser des Brandes eine defekte Mehrfachsteckdose war. Zum ersten Mal musste ich nach einem Einsatz miterleben, welche Folgen ein solch verheerender Brand hatte. Da ich zu diesem Zeitpunkt eine Ausbildung zum Elektriker für Energie und Gebäudetechnik machte, war mir schnell bewusst, dass es von elektrotechnischer Seite keinen ausreichenden Schutz gegen solche Brandgefahr gibt.
Wann hat wurde das Brandschutzsystem entwickelt?
Goedert: Erst allein und ab 2016 mit meiner Partnerin Sophia Reiter entwickelten wir ein Brandschutzsystem, welches völlig autark funktioniert, in das zu schützende Gerät verbaut wird und von der Größe veränderlich ist. Leider war es uns beiden Jungforschern nicht möglich unsere Idee professionell zu verfolgen, da es keinerlei Fördergelder gab und seit Tag 1 sämtliche Ausgaben aus eigener Tasche gezahlt werden mussten. Diese Umstände änderten sich, als meine Partnerin und ich 2018 unser Studium an der Technischen Hochschule Mittelhessen begannen. Aus einer laienhaften Entwicklung wurde Schritt für Schritt die professionelle Forschungsgruppe FISEGO Brandschutztechnik, welche sich mit dem Thema vorbeugender Brandschutz in elektrischen Geräten und Anlagen befasst. Aber auch die Hintergründe bzw. Auswirkungen von Bränden wurden erforscht.
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Brand durch Elektrizität verursacht wird?
Goedert: Durchschnittlich 200.000-Mal brennt es pro Jahr in Deutschland und eine offizielle Statistik der IFS-Schadendatenbank beschreibt, dass 30 % (60.000 Brände) durch Elektrizität, 9 % (18.000 Brände) durch Überhitzung, 22 % (44.000 Brände) durch menschliches Fehlverhalten, 22 % (44.000 Brände) durch unbekannte Ursachen und 18 % (36.000 Brände) durch Ursachen < 5 % ausgelöst werden.
Die Forschung von FISEGO hat etwas anderes ergeben bzw. stellt fest, dass vor genauer Einschätzung eine wichtige Definition getroffen werden muss. Bei den von IFS gemeldeten Elektrobränden handelt es sich um Brände, welche direkt durch Elektrizität ausgelöst wurden. Ein einfaches Beispiel dafür ist der Kurzschluss, es entsteht ein Funke und dieser entzündet den Teppich. Die Brände, welche indirekt durch Elektrizität ausgelöst werden, also z.B. der unsachgemäße Umgang mit einer Mehrfachsteckdose, werden dem menschlichen Fehlverhalten zugeschrieben, sind aber eigentlich durch Elektrizität ausgelöst. Die Brandursache Überhitzung kann nur durch einen Energieträger wie Strom oder in seltenen Fällen Gas / Kraftstoff entstehen, deshalb ist auch hier wieder die Frage der direkten oder indirekten Ursache zu stellen.
FISEGO geht davon aus, dass mindestens die Hälfte aller Brände in Deutschland (und vermutlich auch weltweit) direkt oder indirekt durch Elektrizität ausgelöst werden. Dieses eigene Forschungsergebnis war Grundlage dafür, Sorge zu tragen, dass sämtliche Brandursachen egal ob direkt oder indirekt ausgeschlossen werden.
Wie viele der Brände kann man durch Nutzung des Brandschutzsystems von FISEGO verhindern?
Goedert: Die Brände, die FISEGO mit seinem System verhindern könnte, könnte pro Jahr allein in Deutschland dafür sorgen, dass 600 Menschen und über 7.000 Tiere ihr Leben behalten, 70.000 Menschen weniger verletzt werden, 20 Mrd. Kubikmeter weniger hochgiftige Stoffe in die Umwelt gelangen, Erinnerungen erhalten bleiben und Versicherungen 2,5 Mrd. Euro weniger Schäden regulieren müssten.
Nachdem meine Partnerin und ich feststellten, dass wir mit unserem System signifikant zur Sicherheit der Bevölkerung beitragen können, wendeten wir uns an Dr. Joachim Bille, den Leiter der Abteilung „Forschung Transfer und wissenschaftlicher Nachwuchs“. Gemeinsam mit seinem Team half er dabei, die bereits erarbeiteten Resultate zu ordnen und weitere Schritte und Meilensteine zu definieren.
Wie kam es zum Patent des Schutzsystems?
Goedert: Durch die großartige Unterstützung wurde uns das erste Mal bewusst, welch weitreichende Idee wir in den Händen hielten, aber auch, welche Vorsichtsmaßnahmen damit einher gehen müssen. Die Geheimhaltung musste von Beginn an, an oberster Stelle stehen und das nächste große Ziel war somit die Anmeldung eines deutschen Patents.
Meine Partnerin und ich setzten alles auf eine Karte, reduzierten unser Studium und fingen an Patentrecherchen durchzuführen. Nachdem diese Suche allerdings ohne Erfolg blieb, setzten wir uns umgehend an den Entwurf eines eigenen Patents. Gemeinsam mit der Abteilung FTN und der TransMIT GmbH (Patentexperten) verfeinerten wir unsere Schrift weiter und reichten sie Anfang 2020 beim Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA) ein.
An welchen Wettbewerben hat FISEGO teilgenommen und welche Hürden mussten sie überwältigen?
Goedert: Zum gleichen Zeitpunkt war die Forschungsgruppe FISEGO bereits für den THM Ideeco 2020 und den Hessen Ideen Wettbewerb 2020 nominiert. Solang allerdings die Eingangsbestätigung des DPMA nicht vorlag, durften wir auch nicht mit unserer Idee an die Öffentlichkeit. Fünf Tage vor dem offiziellen Online Voting, dieses ist Teil des Hessen Ideen Wettbewerbs, erhielten wir die Bestätigung und durften offiziell unsere Teilnahme bewerben. Um viel Reichweite und möglichst viele Stimmen zu erhalten, entschieden wir uns dafür, an Zeitungen und Amtsträger heranzutreten und diese um Unterstützung zu bitten. Des Weiteren verteilten wir eigenhändig 6.000 Flyer in unserer Heimatstadt Butzbach und hängten über 50 Plakate in Geschäften aus. Diese Mühe sollte belohnt werden, denn mit einem großen Vorsprung gewannen wir das Online Voting und standen somit im Finale. Gemeinsam mit acht weiteren Teams, mussten wir dann vor einer großen Jury unsere Idee pitchen und Fragen standhalten. Die Aufregung lohnte sich, denn FISEGO belegte den zweiten Platz beim Hessen Ideen Wettbewerb.
Darüber hinaus konnte FISEGO den erst Platz beim THM Ideeco belegen.
Welche Vorteile haben sie durch die Teilnahme an dem Wettbewerb davontragen?
Goedert: Durch die öffentliche Aufmerksamkeit und das Teilnehmen an Netzwerkveranstaltungen wurde Johannes Steube auf uns aufmerksam. Seit Anfang 2021 ist Steube das dritte Mitglied von FISEGO und übernimmt die betriebswirtschaftlichen Aufgaben.
Gemeinsam bewarben wir uns für den Hessischen Gründerpreis 2021, den größten Gründerwettbewerb Hessens. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass FISEGO zu diesem Zeitpunkt ein Gründungsteam war, welches aus Studierenden bestand und keinerlei Fördergelder erhielt. Letzteres hat sich nicht geändert und somit ist FISEGO bis heute durch private Mittel finanziert.
Aus den zuvor genannten Gründen, trat FISEGO als „Underdog“ gegen starke Konkurrenz am Hessischen Gründerpreis 2021 an und war darüber hinaus das erste Team der THM. Um eine Chance gegen die gegnerischen Teams zu haben, entschieden wir uns als Team von FISEGO alle öffentlichen und medialen Kanäle zu nutzen, welche uns zur Verfügung standen. Ebenfalls fand auch bei diesem Wettbewerb ein Online Voting statt. Unzählige Zeitungen, Radiosender, Podcasts und Fernsehsender berichteten und machten somit die Öffentlichkeit auf die Innovation von FISEGO aufmerksam.
Durch das hohe mediale Interesse entschieden wir als das Kernteam dazu zwei weitere Kräfte ins Team zu holen. Tobias Raab und Cornelius Höhle unterstützten ab diesem Zeitpunkt das Team.
Am 03. November 2021 wurde dann verkündet, dass FISEGO die große Fachjury im Halbfinale überzeugen konnte und das Online Voting mit großem Vorsprung gewann. FISEGO war somit das erste Team der THM, welches den 1. Platz beim Hessischen Gründerpreis nach Gießen holen konnte.
Was sind FISEGOs Ziele für die Zukunft?
Goedert: Für Ende 2023 plant FISEGO, das erste Produkt, die nicht brennbare & IoT-fähige Mehrfachsteckdose mit passender App, auf den Markt zu bringen. Danach soll das System in weitere Geräte eingebaut werden. Vorstellbar sind Waschmaschinen, Trockner, Wallboxen, Industrieanlagen usw., zurzeit werden hierfür erste Gespräche mit Herstellern geführt.
Zum Zeitpunkt des Interviews befindet sich die FISEGO Holding GmbH in der ersten Investitionsrunde, welche noch 2022 abgeschlossen werden soll.
Interview durchgeführt von Gizem Berruh Bozkurt aus dem Fachbereich Wirtschaft mit dem Schwerpunkt Mittelstand und Entrepreneurship.