Exkursion zu Seidel: Hightech-Produktion, Nachhaltigkeit und globale Wettbewerbsfragen
Rund 30 Studierende des Nachhaltigkeitsmanagements besuchten am 29. Mai die Firma Seidel in Fronhausen. Die Exkursion fand im Rahmen der Module Business & Leadership Ethics sowie Sustainable Supply Chain Management and Logistics von Prof. Dr. Julian Conrads statt. Empfangen wurden die Studierenden von Geschäftsführer Dr. Andreas Ritzenhoff, der sehr persönliche und praxisnahe Einblicke in die Entwicklung, Strategie und aktuellen Herausforderungen des Unternehmens gab.
Ein mittelständischer Industriepartner mit internationaler Reichweite
Seidel ist ein international tätiger Hersteller hochwertiger Designverpackungen, insbesondere für die Kosmetikindustrie. Zu den Kunden zählen bekannte Marken wie L’Oréal, Estée Lauder, Dior oder Dolce & Gabbana. Darüber hinaus ist das Unternehmen auch in weiteren Märkten wie Pharma oder Schreibgeräte aktiv. Heute beschäftigt Seidel rund 640 Mitarbeitende.
Von der Zinngießerei zum Hightech-Unternehmen
Zu Beginn stellte Dr. Ritzenhoff rund 200-jährige Geschichte des Unternehmens vor: von den Ursprüngen in Marburg und der Verarbeitung von Zinn bis hin zum heutigen Hightech-Unternehmen für anspruchsvolle Verpackungslösungen. Besonders deutlich wurde dabei, wie stark sich Seidel immer wieder strategisch weiterentwickelt hat: vom Zulieferer für einzelne Komponenten hin zum direkten Partner internationaler Markenhersteller.
Strategische Leitplanken: Agilität, Nachhaltigkeit, Innovation, Qualität und Kosten
Im Mittelpunkt der Exkursion standen die fünf strategischen Säulen des Unternehmens: Agilität, Nachhaltigkeit, Innovation, Qualität und Kosten. Diese wurden für die Studierenden besonders anschaulich, weil Dr. Ritzenhoff sie immer wieder mit konkreten Beispielen aus Produktion, Logistik, Einkauf und Unternehmensführung verband.
Einblicke in die hochmoderne Produktion
Ein besonderer Höhepunkt war die Führung durch die hochmoderne Produktionshalle. Die Studierenden erhielten Einblicke in komplexe Fertigungsprozesse, moderne Maschinentechnik und das Zusammenspiel von Präzision, Qualitätssicherung und Automatisierung. Dabei wurde deutlich, wie anspruchsvoll die Herstellung hochwertiger Verpackungen ist, insbesondere dann, wenn Design, Funktionalität, enge Kundenvorgaben und industrielle Effizienz zusammenkommen müssen.

Digitalisierte Intralogistik: Das vollautomatische Hochregallager
Großes Interesse weckte auch das neue vollautomatische Hochregallager. Dort werden sowohl Materialien für die Produktion als auch fertige Produkte digital gesteuert gelagert und bewegt. Fahrerlose Transportsysteme, autonome Gabelstapler, intelligente Verkehrssteuerung und digitale Lokalisierungssysteme ermöglichen eine präzise und effiziente Intralogistik. Die Vorteile liegen unter anderem in kürzeren Wegen, geringeren Such- und Wartezeiten, reduzierten Fehlerquoten, einer besseren Auslastung der Flächen sowie einer stabileren Versorgung der Produktion. Zugleich erhöht das System die Transparenz über Materialflüsse und entlastet Mitarbeitende von wiederkehrenden Transportaufgaben.
Automatisierung als Standortstrategie
Dr. Ritzenhoff machte deutlich, dass Digitalisierung und Automatisierung für Seidel zentrale Voraussetzungen sind, um am Standort Deutschland wettbewerbsfähig zu bleiben. Gerade angesichts hoher Lohnkosten und eines dynamischen Marktumfelds gehe es darum, Prozesse intelligenter, schneller und kosteneffizienter zu gestalten. Seidel arbeitet dabei auch mit Technologie-Start-ups zusammen, etwa bei autonomen Fahrzeugen, Reinigungssystemen, digitalen Ortungslösungen und Plattformen zur Steuerung der Intralogistik. Automatisierung wurde dabei nicht nur als Mittel zur Reduktion von Lohnkosten beschrieben, sondern auch als Weg, Kapazitäten zu sichern, Qualität zu stabilisieren und Mitarbeitende stärker für anspruchsvollere Tätigkeiten einzusetzen.
Nachhaltigkeit in der Praxis
Auch Nachhaltigkeit spielte eine zentrale Rolle. Vorgestellt wurden unter anderem Investitionen in Solaranlagen und Geothermie sowie Überlegungen zum Ausbau von Speicherkapazitäten. Für die Studierenden wurde damit greifbar, wie Nachhaltigkeitsmanagement in einem produzierenden Unternehmen konkret mit Energieversorgung, Standortstrategie und Investitionsentscheidungen verbunden ist.
Führungskultur: Vertrauen, Fehlerkultur und Entwicklung
Am Nachmittag ging Dr. Ritzenhoff zudem auf Führung und Unternehmenskultur ein. Besonders betonte er die Bedeutung von Vertrauen, einer offenen Fehlerkultur und der persönlichen Entwicklung von Mitarbeitenden. Innovation entstehe aus seiner Sicht nur dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen können und sich im Unternehmen wohlfühlen.
Globale Wettbewerbsfragen: China, Subventionen und faire Märkte
Zum Abschluss diskutierte Dr. Ritzenhoff mit den Studierenden auch geopolitische und wirtschaftspolitische Herausforderungen. Besonders kritisch sprach er über den seit Langem extrem hohen Wettbewerbsdruck durch chinesische Anbieter. Aus seiner Sicht geraten europäische Unternehmen nicht nur durch niedrigere Produktionskosten, sondern auch durch massiv subventionierte Wettbewerber aus China unter Druck. Am Beispiel eigener Entwicklungsprojekte schilderte er, wie schwierig es für europäische Firmen sein kann, unter solchen Bedingungen zu bestehen.
Dabei verwies Dr. Ritzenhoff auch auf das Verständnis Ludwig Erhards von Sozialer Marktwirtschaft: Wettbewerb könne nur dann seine positive Wirkung entfalten, wenn faire Spielregeln gelten und Unternehmen nicht durch massive staatliche Subventionen – wie in China – künstlich bevorteilt werden. Dies habe, so Ritzenhoff, mit freier Marktwirtschaft im eigentlichen Sinne wenig zu tun. Er werde daher nicht müde, diese Problematik auch gegenüber politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern in Deutschland immer wieder deutlich zu machen.

Praxisbezug für das Studium
Die Exkursion bot den Studierenden einen vielschichtigen Einblick in ein erfolgreiches Industrieunternehmen der Region: von Hightech-Produktion und digitaler Logistik über Nachhaltigkeitsstrategie und Führungskultur bis hin zu globalen Wettbewerbsfragen. Zugleich knüpfte der Besuch direkt an zentrale Inhalte der Lehrveranstaltungen an und machte theoretische Konzepte aus Nachhaltigkeitsmanagement und Supply Chain Management und Unternehmensethik in der Praxis erfahrbar.
Dank
Ein herzlicher Dank gilt Dr. Andreas Ritzenhoff und dem gesamten Seidel-Team für den offenen Austausch, die eindrucksvollen Einblicke in Produktion und Strategie sowie die großzügige Verpflegung während des Besuchs.