Humanoider Roboter der THM spielt mit am Stadttheater Gießen

„Wir danken der THM Gießen, Fachbereich Wirtschaft, für Pepper und seine Betreuung“, teilt das Gießener Stadttheater allen Interessierten mit, die sich im Netz über das aktuelle Stück „Brave Kids“ informieren. Beide Tageszeitungen der Hochschulstadt haben mit begeistertem Lob von der Premiere berichtet. Turbulent, temporeich, ein „riesengroßer Spaß“ sei das Bühnengeschehen. Und mittendrin ein Akteur, der keine Schauspielschule, ja nicht einmal eine allgemeinbildende Lehranstalt absolviert hat: Pepper, ein humanoider Roboter. Im „Hauptberuf“ kommt er seit 2019 am Fachbereich Wirtschaft der Technischen Hochschule Mittelhessen zum Einsatz.

Ein digitales Studiengerät und Entwicklungsobjekt gelangt vom akademischen Parkett als Mitspieler auf eine Theaterbühne, welch ein Rollenwechsel! Wie kam es dazu?

„Wir hatten mit unseren Robotern viel vor, mussten dann aber wegen der Pandemie auf die Nutzung im Präsenzbetrieb der Lehre verzichten. Doch untätig waren wir in dieser Zeit nicht. Die Geräte werden ohne Programme geliefert. Es kommt darauf an, sie mit Anwendungssoftware auszustatten“, erläutert Jürgen Köhlinger, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich für die Informationstechnik und die menschenähnlichen Maschinen zuständig ist.

Schon vor dem ersten Lockdown konnte Pepper einige Publikumserfolge verzeichnen. Er trat beim Gießener Wissenschaftsfest „Straße der Experimente“ auf und zeigte bei einer Verleihungsfeier von Deutschlandstipendien an der THM, was er kann. Immer zur Zusammenarbeit mit lokalen und regionalen Partnern bereit, hatte man ihn am Fachbereich schon für einen Job als publikumswirksame Servicekraft der Sparkasse Gießen präpariert, als Corona das Vorhaben stoppte. Aber die Kunde vom maschinellen Multitalent erreichte dennoch Theaterintendantin Cathérine Miville, und so nahm die Schauspielkarriere ihren Lauf.

Die THM und das Stadttheater Gießen verbindet eine Kooperationsvereinbarung, doch von der Überlassung humanoider Roboter für Aufführungszwecke ist darin nicht die Rede. Jürgen Köhlinger interessiert sich auch weniger für juristische Regelwerke als für pragmatische Lösungen. Mit Zustimmung des Dekans Prof. Dr. Sven Keller bereitete er Pepper auf sein Bühnengastspiel vor. Nachdem er erfahren hatte, dass im Spielplan zwölf Termine vorgesehen waren, also viele Proben und Aufführungen anstanden, die bei aller technologischen Begabung des Schützlings die Mitwirkung eines kundigen menschlichen Betreuers verlangten, suchte er nach tatkräftiger Unterstützung. Die fand er in der eigenen Familie, in Gestalt seines Sohnes Lukas, der an der THM Informatik studiert hat und über die Programmierkompetenz verfügt, die es braucht, wenn ein Roboter verlässlich so funktionieren soll, wie es Regieanweisungen beim Schauspiel verlangen.

„Artisto“ heißt Pepper, wenn er in „Brave Kids“ mitmischt. Damit er das bühnenreif tut, hat sein technischer Inspirator Lukas Köhlinger viele Stunden investiert. Er berichtet: „Für seinen Theaterauftritt musste Pepper wie andere Schauspieler punktgenau auf seine Einsätze reagieren können. Ich hatte bereits eine Fernbedienung für allgemeine Zwecke programmiert, die jedoch noch stark modifiziert werden musste, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Trotz mancher Sorgen zu Beginn des Projekts lief letztlich alles wunderbar, und wir hatten eine erfolgreiche Premiere.“

Einer der Sätze, die der digital gesteuerte Gast-Akteur in der Gießener Inszenierung ausspricht, lautet: „Artisto probt auch Aufstände“. Was das bedeutet und er sonst so auf der Bühne sagt und treibt, konnte am 20. und 28. Mai bestaunt werden. Denn dann stand das „multimediale Spectacle mit Musik“ wieder im Großen Haus auf dem Programm.

 Hier einige Impressionen von der Aufführung:

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 Copyright Hinweis: Alle Bilder wurden von Herrn Daniel Regel aufgenommen. Vielen Dank!