Quantenphysik trifft auf Finanzmarkt
Der Fachbereich Wirtschaft sowie das Kompetenzzentrum für Wirtschaft und Management Science (WuMS) hatten Besuch: Herr Prof. Dr. Pawel Blasiak vom Institut für Kernphysik der polnischen Akademie der Wissenschaften, Krakow, kam Ende März zu einen einwöchigen Forschungsaufenthalt zu uns nach Gießen.
Herr Prof. Blasiak, ist ein erfahrener Wissenschaftler – er hat nach seiner Promotion und Habilitation bereits eine Vielzahl von Forschungsaufenthalten im Ausland absolviert. So war er beispielsweise zu Gastaufenthalten am Los Alamos National Laboratory in den USA, als Leibnitz Fellow am mathematischen Forschungsinstitut Oberwolfach in Deutschland, am Laboratory of Computer Science an der Université Sorbonne Paris-Nord und zuletzt als Senior Fulbright Fellow am Institute for Quantum Studies der Chapman University in Kalifornien. Seine Arbeitsgebiete sind Bell- und klassische Korrelationen, kausale Modelle, kombinatorische und algebraische Methoden der Physik sowie grundlegende Fragen der Quantentheorie („Quantum Foundations“), also Themen, an die man nicht unbedingt bei den Stichworten „Wirtschaft“ und „THM“ denken würde. Gastgeber und Organisator, Prof Dr. Christoph Gallus vom FB Wirtschaft & WuMS, war daher sehr erfreut, dass Herr Prof. Blasiak Zeit für diesen Besuch finden konnte.
Wie lassen sich Untersuchungen aus dem Grundlagenbereich der Quantenphysik mit Anwendungen aus dem Finanzmarktbereich verbinden? Der thematische Zusammenhang der Arbeitsgebiete der beiden Professoren, die bereits einige gemeinsame Veröffentlichungen verfasst haben, ist zwar nicht offensichtlich, jedoch klar vorhanden: Mathematische kausale Modell liefern Beschreibungsmethoden, die grundsätzlich auch auf komplexe Systeme des Finanzmarkts anwendbar sind. Solche Modelle, die mit Expertenwissen aufgesetzt werden müssen, führen dabei manchmal zu Einschränkungen für die möglichen beobachtbaren Zusammenhänge, was sie testbar macht. Bell- und CHSH-Inequalities erlauben eindeutige quantitative Vorhersagen zwischen Messgrößen. Es handelt sich dabei grundsätzlich um Ansätze, die in anderer Form auch im Bereich der Wirtschaftswissenschaften Bekanntheit erlangt haben – hier ging der Alfred-Nobel-Gedächtnispreis 2021 an Joshua Angrist und Guido Imbens.
Der Aufenthalt von Herrn Prof. Blasiak war mit vielen interessanten Vorträgen und Diskussionen im kleineren Kreis gefüllt. Thematisch ging es um Instrumentvariablen, D-Separation, Fock-Spaces, Quanten-Verschränkung sowie Wahrscheinlichkeits-verteilungen mit und ohne „Signalling“. Es gab verschiedene Einsichten und Anregungen von denen Doktoranden des Fachbereiches sowie Mitarbeiter des WuMS profitieren konnten. Frau Arefeh Zarifian und Herr Victor Smirnov vom FB Wirtschaft gehörten zu den Teilnehmenden, ebenso die Herren Dr. Jürgen Bauer und Michael Enus, die im Rahmen eines von Prof. Gallus geleiteten LOEWE-Projektes am WuMS arbeiten. Zeitweilig hat auch ein Professor des FB07 der Justus-Liebig-Universität an den Diskussionsrunden an unserem Fachbereich teilgenommen.
Neben der fachlichen Arbeit stand auch ein Dinner mit dem Dekan des Fachbereiches, Prof. Dr. Jens Klose, und ein kurzer Austausch mit dem Studiendekan, Prof. Dr. Benjamin Löhr, über Studierende aus dem indisch-asiatischen Raum auf dem Programm. Auch hier gab es interessante Einsichten. Herr Prof. Blasiak lud die Beteiligten um Prof. Gallus zu einem Gegenbesuch nach Krakow ein.
Text: Christoph Gallus
Fotos: Deublein/Schweitzer